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"My desk is my Castle"

Was unser Schreibtisch über uns selbst verrät

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Im Chaos regiert die Kreativität? Oder ist nur der produktiv, der Ordnung schafft? Der Schreibtisch verrät sehr viel über den Menschen, der an ihm arbeitet. Das weiß auch Uta Brandes, lange Zeit Professorin für Designforschung an der Köln International School of Design. Die studierte Soziologin und Psychologin hat sich für eine Studie „My Desk is my Castle“ ausgiebig mit dem Thema „Schreibtische“ und deren unterschiedlicher Gestaltung befasst. Wir wollten wissen, was die Schreibtisch-Ordnung über eine Person und ihre Produktivität aussagt und inwiefern Vorurteile und Klischees der Realität entsprechen.

Frau Brandes, wie kommt man auf die Idee, tausende Fotos von Schreibtischen zu machen und diese zu vergleichen?

Mein Kollege Michael Erlhoff und ich sind auf unseren vielen Asien-Reisen auf das Thema aufmerksam geworden. Insbesondere im asiatischen Raum fiel uns auf, dass die Schreibtische deutlich anders aussehen als bei uns in Europa. Obwohl dort ohnehin mehr Menschen auf teils engstem Raum zusammenarbeiten, sind zusätzlich auch die Arbeitsplätze sehr vollgestellt. Das hat uns auf die Idee gebracht, die Schreibtisch-Gestaltung in verschiedenen Kulturen und Branchen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Welche kulturellen Unterschiede waren besonders auffällig?

Unsere Studie hat gezeigt: In Asien werden auffällig viele persönliche Gegenstände auf dem Schreibtisch platziert. Insbesondere das Sammeln und Präsentieren von Comic- oder Heldenfiguren ist sehr verbreitet. Ein Grund dafür ist, dass zuhause oft wenig Platz für solche Hobbys bleibt, weil Wohnraum teuer und die Wohnungen in Großstädten oft sehr klein sind.

In New Yorker Firmen fanden sich wiederum erstaunlich wenige persönliche Dinge auf den Schreibtischen der Menschen. Die Arbeitsplätze waren sehr aufgeräumt und oft penibel ordentlich. Mit Blick auf die Schreibtisch-Organisation waren die Unternehmen hier teils sehr streng, obwohl die USA ja sonst als sehr lässig gelten.

Ordnung und Unordnung werden in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich wahrgenommen.
Uta Brandes

ist eine deutsche Design-Expertin, -Theoretikerin und -Autorin. Von 1995 bis 2015 war sie Professorin für Gender und Design und für Designforschung an der Köln International School of Design. Die studierte Soziologin und Psychologin leitet zusammen mit Michael Erlhoff be design, ein in Köln ansässiges Büro für Designberatung, -konzeption und -forschung. (Photo Credit: Mareike Tocha)

Sie haben die verschiedenen Fotos später auch den Schreibtisch-Besitzern gezeigt. Wie haben diese reagiert?

Vor allen Dingen in der Design-Branche empfanden Asiaten die Schreibtische ihrer europäischen Kollegen als sehr steril – als arbeite hier jeder im Krankenhaus. Nur wenige der Befragten konnten sich vorstellen, an diesen Tischen kreativ zu werden. Die Europäer empfanden die vollgestellten Arbeitsplätze auf den Bildern hingegen als potenzielle Störung für die eigene Arbeit. Obwohl die Menschen in beiden Fällen einen kreativen Job ausüben, haben sie ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema kreatives Arbeiten. Ordnung und Unordnung werden in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Schon Albert Einstein wurde anscheinend mit diesem Thema konfrontiert. Einer seiner oft zitierten Sprüche lautet „Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen aus, der ihn benutzt?“Eine Frage, die wir gerne an Sie als Schreibtisch-Expertin weitergeben.

Es gibt durchaus fast leere, penibel aufgeräumte Schreibtische, bei denen selbst der Bleistift im rechten Winkel zur Tischkante ausgerichtet ist. Solche Arbeitsplätze gehören häufig Menschen, die ihre Arbeit eher nach Vorschrift und Aktenlage erledigen. Sie sind selten diejenigen, die neue Ideen entwickeln. Man könnte es etwas überspitzt auch „langweilig korrekt“ nennen. Natürlich reden wir hier immer von einer durchschnittlichen Auffälligkeit und damit von Tendenzen.

Das Sammeln und Präsentieren von Comic- oder Heldenfiguren ist in Asien weit verbreitet. (Photo Credits: Uta Brandes/ Michael Erlhoff)

Weil der Wohnraum knapp ist, lagern viele Menschen mehr private Dinge im Büro. (Photo Credits: Uta Brandes/ Michael Erlhoff)

Sie beschäftigen sich schon lange auch mit Geschlechterforschung und sagen: „Die Interaktion zwischen Menschen und Dingen findet unabdingbar „gendered“ statt.“ Wie unterscheidet sich die Schreibtisch-Gestaltung von Frauen und Männern?

Bei unserer Studie haben sich Klischees über Frauen und Männer bestätigt und es lassen sich klare Stereotypen erkennen. Das startet beim Farbschema, das sich auswerten lässt, wenn man die Schreibtische aus der Vogelperspektive betrachtet. Frauen tendieren prinzipiell zu helleren Pastell-Farben. Bei den Männern dominieren dunkle, schwarze sowie metallene Töne. Zeigte man die Fotos unabhängigen Personen, dann tippten 80 Prozent von ihnen richtig, ob der Tisch einer Frau oder einem Mann gehört.

Indikatoren waren dabei auch die persönlichen Gegenstände auf den Tischen: Typisch war hier die Handcreme bei den Frauen. Bei Männern lag überdurchschnittlich häufig der Autoschlüssel auf dem Schreibtisch.

Ich halte gerne ein starkes Plädoyer für die Individualisierung des Schreibtisches.

Was ja praktisch ist, wenn man keine Tasche dabeihat und der Schlüssel in der Hosentasche stört…

Ja, wobei die Studie auch zeigte, dass die Autoschlüssel vermeintlich besserer Marken auch präsenter auf den Schreibtischen platziert wurden. Das lässt die Vermutung zu, dass dies auch etwas mit einem gewissen Statusdenken zu tun hat. Etwas, das sich im Übrigen auch beim Ausrichten von Familienfotos erkennen lässt.

Inwiefern?

Die Bilder der eigenen Familie standen selten im direkten Blickfeld des jeweiligen Schreibtischbesitzers, sondern vielmehr so ausgerichtet, dass die Kollegen einen Blick auf Kinder und Ehepartner werfen konnten – ein subtiles Angeben mit dem Privatleben.

In einigen Unternehmen sind solche privaten Gegenstände gleich verboten. Aus Ihrer Sicht als Soziologin und Psychologin: Wie sinnvoll ist eine Corporate Culture, die Schreibtisch-Regeln vorschreibt?

Ein Unternehmen kann sicher nicht sagen: „Bringt mit, was ihr wollt und macht es euch gemütlich.“ Das führt ins völlige Chaos. In den Niederlanden gab es mal ein Experiment, bei dem Mitarbeiter ihr neues Bürogebäude und ihren Arbeitsplatz völlig frei gestalten durften. Es sah am Ende zwar sehr lustig aus, doch es wurde auch kontraproduktiv. Die Mitarbeiter beschäftigten sich mehr mit ihren Räumen und deren Gestaltung als mit der Arbeit.

Dennoch: Gestützt durch unsere Studie und unsere Analysen halte ich gerne ein starkes Plädoyer für eine Individualisierung von Schreibtischen. Es sollte möglich sein, ein kleines Stück Privatheit am Arbeitsplatz zu schaffen. Etwas, woran man sich festhalten kann, wenn es mal stressig wird und man Gelassenheit benötigt, um neue Motivation oder Inspiration zu finden. Die Balance zwischen den Richtlinien des Unternehmens und einem individuellen Gestaltungsspielraum zu wahren, ist natürlich eine Herausforderung.

Der Schreibtisch ist wie eine Versicherung: Ich bin hier. Ich habe Arbeit.

Frau Brandes, seit Sie die Studie „My desk is my castle“ herausgegeben haben, hat die Digitalisierung die Arbeitswelt schon wieder stark verändert. Auch den Schreibtisch?

Ich denke, dass trotz Coworking Spaces – die ja nachgewiesenermaßen sehr erfolgreich sein können – die meisten Menschen gerne einen Schreibtisch für sich haben. Dies lässt sich an erfolgreichen Startups nachvollziehen, die nach einigen Jahren im Shared Office doch häufig ein Gebäude mit festen Büros beziehen. Das Objekt Schreibtisch ist wie eine Art Versicherung: Ich bin hier. Ich habe Arbeit und verdiene Geld. Dennoch wäre es natürlich spannend, die Studie mit Blick auf die Digitalisierung des Arbeitsplatzes noch einmal zu wiederholen. (lacht)

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