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Mein Freund, der Roboter

“Wir glauben, dass Roboter soziale Superkräfte haben”

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Soziale Roboter, die Menschen unterhalten, erinnern und einfache Aufgaben übernehmen, ziehen schon bald in die ersten Haushalte ein. Insbesondere älteren und alleinlebenden Menschen können sie im Alltag eine emotionale wie praktische Stütze sein, das haben bisherige Forschungen ergeben. Wir trafen uns mit einem Experten, der sich mit der Beziehung und Interaktion zu Robotern bestens auskennt.

Prof. Dr. Marc Hassenzahl von der Universität Siegen und sein Team haben einen Roboter designt, der Senioren dabei unterstützen soll, länger selbstständig in der eigenen Wohnung zu leben. Das zukunftsweisende Projekt mit insgesamt sieben Forschungspartnern wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit mehr als 1,7 Millionen Euro gefördert. 

Herr Hassenzahl, Sie sind eigentlich promovierter Psychologe. Wie sind Sie auf die Idee mit dem sozialen Roboter gekommen?

Ich beschäftige mich seit mehr als 20 Jahren mit der Gestaltung guter Mensch-Technik-Interaktion. Da der Mensch mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten dabei im Mittelpunkt steht, geht es gar nicht ohne Psychologie. Aber zu ihrer Beruhigung: Ich habe auch ein wenig Informatik studiert. 

Ihr Team an der Universität Siegen hat jüngst einen Roboter entworfen, der ältere Menschen in ihrer Wohnung unterstützen soll. Können Sie uns kurz erzählen, was „Sympartner“ alles kann?

In Kooperation mit den Kollegen aus Technik, wie z. B. der TU Ilmenau, haben wir an Sympartner gearbeitet. Mein Team war insbesondere für die Gestalt des Roboters und die Interaktion zuständig. Wir decken dabei zwei Bereiche ab: zum einen praktische Funktionen wie skypen, Bilder anschauen, E-Mails verschicken – all das, was ein Tabletcomputer kann, mit dem Unterschied, dass dieser selbstständig herumfährt und sich eigenständig zum Aufladen bringt. Zum anderen unterstützt der Roboter einige für Alleinlebende wichtige Alltagsrituale: Er weckt und grüßt am Morgen und sorgt sich am Abend, dass sein „Mitbewohner“ zu Bett geht. Er verabschiedet sich beim Ausgehen und freut sich, wenn sein Mitbewohner wieder nach Hause kommt. Ab und zu regt er an, bestimmte Dinge zu tun, einen Tee zu trinken oder doch mal rauszugehen. Dies ist eher die emotionale und soziale Unterstützung, die der Roboter bietet. Dadurch wird er zum Gegenüber.

Sie haben auch entschieden, welche Emotionen er wie zeigt und wie man ihn bedienen kann. Wie sind sie hierbei vorgegangen?

Das SIBIS Institut für Sozialforschung hat im Vorfeld mehr als 120 Menschen zu ihren Wünschen und Bedürfnissen sowie möglichen Problemen mit einem robotischen Alltagsbegleiter befragt. Wir selbst haben Personen zu Hause besucht und Rollenspiele, sogenannte „Designtheater“, durchgeführt, um Szenarien und Interaktionen im Detail zu testen. So näherten wir uns Stück für Stück dem Alltag der Zielgruppe.

Allerdings braucht es auch eine klare Gestaltungsphilosophie. Wir wollten nämlich keinen Ersatz für menschliche Nähe und Zuwendung schaffen. Vielmehr glauben wir, dass Roboter soziale Superkräfte haben. Nehmen wir als Beispiel die Geduld. Sie ist eine wichtige Ressource im sozialen Miteinander. Geduld zu haben, fällt aber vielen Menschen schwer. Dem Roboter nicht. Er hört sich auch Witze zum einhundertsten Mal an.

Damit dies funktioniert, müssen Roboter so gestaltet werden, dass sie ihrem Nutzer Raum für neue Formen der sozialen Interaktion geben. Wenn ich einen Roboter menschenähnlich gestalte, so ganz süß, mit großen Augen und netter Stimme, wird es schwer fallen, tief eingeschriebene soziale Skripte zu unterdrücken. Dann bedanke ich mich, möchte nicht ungeduscht vor dem Roboter erscheinen und denke, er ist beleidigt, wenn ich nicht mit ihm spiele.

Daher haben wir eine Gestaltung ausprobiert, die eine Mischung aus Möbel und sozialem Gegenüber darstellt, um so individuelle Praktiken mit der Maschine zu ermöglichen.

Entweder wir haben Partner, Freunde, Haustiere oder einen Roboter. Nur sollte dieser nicht mit Lebewesen konkurrieren.

Warum braucht unsere Gesellschaft Roboter mit sozialen und emotionalen Eigenschaften?

Das ist eine schwere Frage. Ich habe zwei Antworten. Im Rahmen der vielen Gespräche mit möglichen Benutzern wurden soziale und emotionale Eigenschaften immer etwas kritisch beäugt. Menschen wünschten sich praktische Hilfen: Kochen, Saubermachen, Aufräumen. Als wir den Roboter dann in 20 Haushalten testeten, spielten diese Funktionen plötzlich keine große Rolle mehr. Tester berichteten, dass gerade die sozialen Szenarien befriedigend waren – „Da war dann einfach jemand da am Morgen. Das war schön.“

Wir sind nun mal soziale Wesen, da wünschen wir uns Nähe und Zuwendung. Entweder wir haben Partner, Freunde, Haustiere oder einen Roboter. Nur sollte dieser eine neue Art der Soziabilität ermöglichen und nicht mit Lebewesen konkurrieren.

Die zweite Antwort ist etwas theoretischer. Wir sind es gewohnt, Technik als Erweiterung unserer selbst zu verstehen – der Hammer als Verlängerung des eigenen Arms. Wenn Technik aber autonomer wird, proaktiver, komplexer, unvorhersehbarer, dann verändert sich unsere Beziehung zu ihr. Sie wird zum Gegenüber. Hier brauchen wir Vertrauen und neue soziale Rollen von Technik: Freund, Experte, Partner.

Wie wichtig ist das Aussehen eines Roboters, um von seinen Benutzern akzeptiert zu werden?

Das Aussehen ist in sozialen Interaktionen immer entscheidend. Wir sind als Menschen darauf getrimmt, die „inneren“ Werte sozialer Gegenüber möglichst schnell mit Hilfe des Erscheinungsbildes zu erraten. Ist dieser Mensch vertrauenswürdig? Kann er, was er verspricht? Das machen wir natürlich auch mit Technologie, insbesondere wenn ihre Gestalter alles daran setzen, sie zu vermenschlichen oder zu vertierischen. So gesehen bestimmt am Anfang das Aussehen, welche Erwartungen wir haben, und damit auch, ob uns der Roboter enttäuscht oder nicht.

Wie viel künstliche Intelligenz braucht der Roboter?

Maschinelles Lernen und Schlussfolgern kann nicht schaden. Soziale Interaktion ist aber facettenreicher und oft subtil. So verhalten wir uns im Gespräch anders, wenn noch andere Personen da sind. Seinen Roboter beispielsweise vor Anderen herumzukommandieren oder zurechtzuweisen ist sicher etwas anderes, als dies hinter geschlossenen Türen zu tun. Die Maschine müsste all diese Facetten verstehen, um eine reibungslose Interaktion zu ermöglichen.

Gibt es auch Gefahren oder ethische Grenzen? Wie menschlich kann ein Roboter werden?

Ich halte nichts von menschlich gestalteten Robotern. Das ist eine Sackgasse, gerade ethisch gesehen. Wir wünschen uns Roboter in sozialen Rollen, die wir anderen Menschen heutzutage kaum mehr zumuten wollen: zum Beispiel Diener. Außerdem sind menschlich gestaltete Roboter unausweichlich jemandes Ebenbild. Sie wirken wie eine Frau, ein Kind, eine bestimmte Ethnie, eine bestimmte Persönlichkeit. Das wird zu einiger Verwirrung führen. Stereotype werden bestärkt. Menschen werden andere Menschen und menschenähnliche Roboter miteinander verwechseln. Daher müssen wir einen anderen gestalterischen Weg finden.

Ist es unserer westlichen Gesellschaft möglich, auf Dauer eine soziale Bindung mit einem Roboter einzugehen?

Wir können zu jedem Ding eine soziale Beziehung aufbauen. Erinnern Sie sich an Tamagotchis? Diesen virtuellen Haustieren wurde sogar auf Friedhöfen gedacht. Und wer redet nicht mal mit seinen Pflanzen oder vertraut sich einem Tagebuch an. Also warum nicht auch Robotern? Wichtig ist nur, dies so zu gestalten, dass sich eine neue Möglichkeit der Befriedigung sozialer Bedürfnisse eröffnet und kein Ersatz liebgewonnener Beziehungen. 

In die Zukunft geschaut: Wann ziehen die ersten sozialen Roboter bei uns zuhause ein?

Vielleicht sind sie ja auch schon da? Wenn ich Menschen zuhöre, die einen Staubsaugerroboter besitzen, dann meine ich schon eine Menge sozialer Interaktion und Bedürfnisbefriedigung herauszuhören, ohne dass dieser Roboter explizit „sozial“ ist. Und irgendwie ist das Radio ja auch ein sozialer Roboter, nur dass es eben nicht antwortet, wenn man spricht, im Gegensatz zu „Alexa“. Wie die Beziehung mit Robotern aber genau aussieht ist offen, und liegt in den Händen der Gestalter und Anbieter.

Dr. Marc Hassenzahl ist Professor für "Ubiquitous Design / Erlebnis und Interaktion" am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Siegen. Als promovierter Psychologe verbindet er seinen erfahrungswissenschaftlichen Hintergrund mit einer Leidenschaft für das Interaktionsdesign. Im Mittelpunkt stehen dabei die Theorie und Praxis des Gestaltens freudvoller, bedeutungsvoller und transformativer Erlebnisse. 

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