INNOVATION

INTERVIEW: INNOVATION BRAUCHT DEN RICHTIGEN NÄHRBODEN

"WENN ES KEINEN INTERESSIERT, IST ES AUCH NICHT INNOVATIV"

Dr. Rainer Frietsch gehört zu den führenden Experten in Sachen Innovation. Als Leiter des Geschäftsfelds Innovationsindikatoren am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe erforscht er Innovationsprozesse auf der ganzen Welt. Ob die Deutschen besonders innovativ sind und wie man Innovationsstärke messen kann, erklärt er im Interview.


Herr Dr. Frietsch, was bedeutet für Sie innovativ?

Der Begriff „innovativ“ wird im täglichen Sprachgebrauch sehr inflationär verwendet und ist häufig ein Synonym für „neu“ oder „toll“. Im wissenschaftlichen Kontext sprechen wir von einem Prozess: Am Anfang steht dabei immer eine neue Idee, am Ende wird diese Idee erfolgreich auf einem Markt platziert. Das Ergebnis ist die Innovation. Aber: Wenn diese Idee keinen interessiert, dann ist sie auch nicht innovativ.

Wenn wir von Innovationen sprechen, geht es dann in erster Linie um Produktneuheiten?

Ja, viele Menschen denken bei Innovationen oft an Technologien oder Produkte – an Dinge, die man anfassen kann. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt zwei Dimensionen, die wir hier unterscheiden: Auf der einen Seite technisch oder nicht-technisch und auf der anderen Seite Produkte oder Prozesse. Wenn man diese Dimensionen aufspannt, bekommt man vier Felder: Von den klassischen Produktinnovationen wie beispielsweise dem neuen Staubsauger bis hin zu einer völlig neuen Dienstleistung, wenn Sie zum Beispiel an den App Store denken. Eine Innovation hat immer das Ziel, etwas neu oder anders als bisher zu machen, Dinge zu optimieren. Dabei werden zwei wesentliche Ziele verfolgt: Kosten senken oder die Qualität verbessern. In Deutschland ist der Qualitätsaspekt entscheidend, also Dinge besser zu machen und nicht unbedingt billiger zu sein.

Aus der wissenschaftlichen Sicht betrachtet: Wie messen Sie Innovationsstärke?

Um die Innovationsstärke von Volkswirtschaften messen zu können, betrachten wir eine ganze Reihe von Daten. Dazu zählt etwa der Anteil an hochqualifizierten Arbeitnehmern oder Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Mit diesen Faktoren werden die Investitionen gemessen, also das, was man in den Prozess reinsteckt. Darüber hinaus kann man auch messen, was man herausbekommt: Wie viele Patente werden angemeldet, wie viele Exporte werden realisiert? Die Faktoren sind so komplex verbunden, dass man selten so etwas sagen kann wie: Wenn ich eine Million mehr investiere, dann bin ich um zehn Prozent innovativer. Denn jedes Innovationssystem ist anders. In der Innovationsforschung arbeiten wir mit dem Innovationssystemansatz. Der besagt: Es gibt verschiedene Akteure und verschiedene Einflussgrößen, die nur im Gesamtsystem erfolgreich sein können. Was zum Beispiel in Deutschland funktioniert, kann in den USA oder in China scheitern.

Deutschland gehört zwar zu den innovativsten Ländern weltweit. Trotzdem sind andere Nationen wie beispielsweise die Schweiz, Singapur oder Belgien noch innovativer. Was können wir von den Vorreitern lernen?

Es ist ja nicht so, dass Deutschland alles falsch macht. Daneben gibt es auch Bereiche, die ohne permanente Innovationen besser auskommen. Im Tourismus ist das zum Beispiel der Fall. Aber wenn man auf internationalen Märkten unterwegs ist, kommt man um Innovationen nicht herum. Sie machen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil aus und dazu müssen viele Faktoren zusammen passen, aber in jedem Land kann das ein wenig anders sein. Der Innovationsweltmeister Schweiz beispielsweise hat sehr gut ausgestattete Hochschulen. Dafür investiert die öffentliche Hand fast nichts direkt in Forschung und Entwicklung in Unternehmen.

Schöpfen die Deutschen ihr Innovationspotential denn voll aus? 

Ich würde sagen: nein. Aber Deutschland ist nicht schlecht. Wir springen nicht auf jede neue Technologie sofort auf. Das ist auch nicht schlimm, denn man muss nicht immer der „first mover“ sein. Als „second mover“ kann man die anderen bei ihren Fehlern beobachten und für sich ein eigenes Feld abstecken, um dann gezielt in die Zukunft zu forschen. Das können die deutschen Unternehmen sehr gut. Sie sind in der Lage, auf ihren jeweiligen Märkten diese Anpassung vorzunehmen und langfristig erfolgreich zu sein.

Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht die Reise im innovativen Deutschland?

Aus meiner Sicht sind sowohl die Unternehmen als auch die Politik in der Lage, sich auf veränderte Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel den demografischen Wandel, der uns alle betrifft, oder technologische Veränderungen einzustellen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir in Zukunft im vorderen Bereich mitspielen werden. Ob wir unbedingt an der Spitze stehen müssen, ist eine andere Frage.

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