Vorwerk
Der wahre Home Button

Wie der Thermomix nur einen Knopf bekam

Heizen, Drehzahl, Zeiteinstellung: Bei der Entwicklung des Thermomix ® TM5 zwischen 2011 und 2012 hatte sich das Vorwerk Team eigentlich schon auf eine Bedienung mit drei Knöpfen geeinigt, als aus dem Design doch noch einmal Einspruch kam und wir umdenken mussten. Das Ergebnis: Diskussionen, zusätzlicher Aufwand – aber auch eine deutlich verbesserte Bedienbarkeit des Gerätes. Vorwerks ehemaliger Chefdesigner Uwe Kemker und Dr. Stefan Hilgers, Vice President und International Product Manager bei Thermomix ®, erinnern sich an die spannende Entwicklungsphase.

Dr. Stefan Hilgers: Drei Grundfunktionen, drei Knöpfe! – als wir damals über die Weiterentwicklung des Thermomix ® TM31 nachgedacht haben, war für mich ganz klar, dass wir bei dieser Anordnung bleiben würden. Schließlich waren unsere Kunden von allen Vorgängermodellen daran gewöhnt, die drei Grundeinstellungen von Temperatur, Drehzahl und Zeit auf diese Weise einzustellen. Doch dann kam Uwe um die Ecke und präsentierte ein weiteres Design-Konzept – mit nur einem Knopf.

Uwe Kemker: Als Designer gehört es zu meinen Aufgaben, mir immer wieder die Frage zu stellen: „Wie und wo können wir noch besser werden?“ Die Frage, ob wir den TM5 nicht auch mit einem Knopf bedienen können, hat bei meinen Kollegen in der Forschung und Entwicklung damals zu einem kleinen Sturm der Entrüstung geführt. In der aufkommenden Diskussion hatten wir in unserem damaligen Marketing-Leiter Kai Schäffner auch sofort einen großen Unterstützer. Schlussendlich ist die Idee und ihre Umsetzung ein Gesamt-Team-Erfolg. 

Die Entwicklung verzögerte sich um ein gutes halbes Jahr

Dr. Stefan Hilgers: Für mich hat es sich im ersten Moment ein wenig so angefühlt, als wäre mein Chef ins andere Lager gewechselt. Er rief „Bravo“ während ich und auch andere Kollegen in erster Linie daran interessiert waren, das Produkt schnell auf den Markt zu bringen. Es stimmt also, dass Uwe eine gewisse Gegenwehr brechen musste. Denn zu diesem Zeitpunkt war klar: Um diese Ideen umzusetzen, mussten wir einen längeren Innovationsprozess auf uns nehmen, der zusätzliche Kosten verursachen würde. Letztlich verzögerte sich die Entwicklung dann um ein gutes halbes Jahr.

Eine alte Entwurfsskizze: Der Thermomix ® mit drei Bedienknöpfen und einem Probierlöffel, der als USB-Stick Informationen enthalten sollte.

Uwe Kemker: Natürlich ist es auch nicht mein Ziel, Projekte in die Länge zu ziehen und Pläne über den Haufen zu werfen. Dennoch bin ich schon ein wenig als derjenige bei Vorwerk bekannt, der Dinge nochmal anders denkt - in Frage stellt - und deshalb auch mal Unruhe stiftet. Gerade wenn mal Dinge anders gedacht werden, kommt man zu neuen und oft besseren Lösungen. Das funktioniert nicht immer, doch beim Thermomix ® waren unsere Anmerkungen rückblickend zum Glück berechtigt.

Dr. Stefan Hilgers: Was man heute gerne vergisst: Zwischen 2011 und 2012 war es noch nicht ganz so selbstverständlich, dass jeder ein Smartphone in der Hand hatte. Und es war schon gar nicht normal, dass man smarte Geräte in der Küche benutzt. Wir haben damals tatsächlich darüber diskutiert, ob wir denn nun demnächst alle mit dem Computer kochen und ob die Thermomix-Fans das verstehen. Denn schließlich war es nicht nur die Anzahl der Knöpfe, die sich am Gerät verändert hat.

Eine Testnutzerin drückte immer wieder auf das Display ohne Touch-Funktion. Das war ein Schlüsselmoment.  

Uwe Kemker: Ich erinnere mich noch sehr gut an unsere ersten Nutzertests für den TM5 in Zürich. Dort konnten wir beobachten, wie eine der Probandinnen – und diese war ausgerechnet auch noch die älteste unter den Testpersonen – ständig auf das Display drückte, um Einstellungen vorzunehmen. Dabei hatten wir noch gar kein Touch-Display in den Prototypen verbaut. Das war einer der Schlüsselmomente in der Entwicklung.
 

Seit Anfang August im wohlverdienten Ruhestand: Der ehemalige Vorwerk Chefdesigner Uwe Kemker blickt im Brand Space in der Wuppertaler Firmenzentrale auf die Geschichte des Thermomix ®.


Dr. Stefan Hilgers: In den zahlreichen Nutzertests zeichnete sich zum Glück ab, dass der von Uwe vorgeschlagene Weg der richtige sein würde – zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit. Vor allen Dingen die Idee, Rezeptanleitungen direkt auf dem Gerät darzustellen, erwies sich bei einer mehrtägigen Testphase mit Rezepte-Chips als echte Innovation. Denn am zweiten Tag der Tests mussten wir einigen Probanden die Chips wieder wegnehmen – wir hatten schlicht nicht genug Exemplare. Und was passierte? Die Probanden fragten uns, wie sie denn nun kochen sollten. Dabei hat jeder von uns über Jahre gelernt, Rezepte aus Kochbüchern abzulesen. Diese Dynamiken hatten wir so vorher nicht erwartet.

Uwe Kemker: Ich habe bereits vor mehr als 20 Jahren an mir selbst beobachtet, wie häufig ich vom Kochbuch auf das Gerät und wieder zurück ins Kochbuch schauen muss, weil ich mir die Mengenangaben nicht merken konnte. Und ich habe damals Ringbuchseiten aus Rezeptbüchern als markierte Schablonen auf das Bedienfeld des Thermomix ® gelegt. Die Idee war also schon etwas älter, ohne das Touch-Display zuvor aber einfach nicht zufriedenstellend abzubilden. Das Beispiel zeigt, dass wir gelegentlich auf den technologischen Fortschritt warten müssen, um Ideen so umzusetzen, dass sie für unsere Kunden auch eine echte Verbesserung im Alltag bedeuten und eine innovative Entwicklung schaffen.

Dr. Stefan Hilgers:
Die Technik hat andersherum auch vieles ermöglicht, was wir uns so vorher überhaupt nicht vorstellen konnten – zum Beispiel, dass sich die Menschen über wirklich alles rund um unser Gerät austauschen und sogar Videos teilen, in denen sie sich bei der Lieferung des TM5 wie Schneekönige freuen. Es sind eine Begeisterung und ein Austausch rund um das Kochen entstanden, die wohl mit dazu geführt haben, dass der Thermomix ® in der Presse mal als „iPhone aus Wuppertal“ bezeichnet wurde. Wahrscheinlich ist der eine Knopf am TM5 sogar der wahre Home Button. (lacht) 

Die Digitalisierung des Thermomix ® war eine Höchstleistung für ein Unternehmen wie Vorwerk

Uwe Kemker: Dass wir es geschafft haben, ein Küchengerät mit der digitalen Welt aus tausenden Rezepten in Cookidoo ® zu verbinden, ist eine Höchstleistung für ein Unternehmen wie Vorwerk gewesen. Denn, wenn wir mal ganz ehrlich sind: Wir mussten uns das digitale Know-how erst einmal erarbeiten. Gerade auf diese Leistung des gesamten Teams bin ich heute persönlich besonders stolz. Schließlich weiß ich auch, dass ich die Kollegen mit meinen Ideen manchmal ganz schön nerven kann, aber auch muss.

Dr. Stefan Hilgers: Zumal auch nicht alle Ideen von Uwe immer so gut sind wie jene beim TM5 (lacht). Außerdem haben auch andere Kollegen manchmal die guten Ideen, ganz selten sogar ich (lacht erneut). Unser Team zeichnet sich damals wie heute dadurch aus, dass wir die unterschiedlichsten Meinungen gelten lassen und diskutieren. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich damals beim TM5 überstimmt wurde.
 

10.08.2018

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