Vorwerk
Vorwerks neuer Chefdesigner Jan Delfs

Ein „Wegefinder“ auf der Suche nach dem „Wow-Effekt“

„Morgen ist heute schon gestern“ steht auf der Tür, die in das Büro von Jan Delfs führt. Der neue Vorwerk Chefdesigner bezeichnet sich selbst gerne als „Wegefinder“. Was einen solchen ausmacht und wie Delfs die Welt der Vorwerk Produkte weiter ins digitale Zeitalter führen will, hat er uns im Gespräch verraten. 

Herr Delfs, nach neun Jahren als Designer für die Telekom sind Sie im April nach Wuppertal gewechselt und haben im August die Position als neuer Chefdesigner der Division Engineering übernommen. Wieso haben Sie sich für Vorwerk entschieden?

Wie viele andere Menschen auch, kenne ich die Vorwerk Produkte, speziell die Kobold Staubsauger, schon seit meiner Kindheit. Doch gerade in den letzten Jahren habe ich die Entwicklung des Unternehmens auch beruflich verfolgt. Die Marke hat sich stark verjüngt, hat sich mit Blick auf das Design ganz neu aufgestellt und ist insbesondere mit dem digitalisierten Thermomix auch Risiken eingegangen. Diese Experimentierfreude hat mich gereizt. 

Seit Ihrem Start liest man an der Tür zum Design-Büro den Spruch „Morgen ist heute schon gestern“. Wie schwierig ist es, den Status quo immer wieder zu hinterfragen?

Natürlich kostet es sehr viel Energie, Gewohnheitsmuster zu durchbrechen. Doch das ist aus meiner Sicht eine Einstellungssache und eine Form, den inneren Schweinehund zu überwinden. Man sollte als Designer einfach eine grundlegende Unzufriedenheit mitbringen und immer wieder die unangenehmen Fragen stellen. Es gibt dazu noch ein passendes Zitat des Schriftstellers und Naturwissenschaftlers Georg Christoph Lichtenberg, in dem auch viel Wahres steckt: „Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht. Dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll, ist gewiss!“ 

Hatten Sie diese grundlegende Unzufriedenheit, von der Sie sprechen, denn schon immer? Und ist es möglich, diese auch anderen Menschen beizubringen?

Ich kann meine Kollegen und andere Menschen überzeugen – und zwar, wenn ich selbst von einer Sache überzeugt bin. Ich bin jedenfalls nicht der große Psychologe, der mit irgendwelchen Motivations-Tricks arbeitet. Ich selbst habe 20 Jahre gebraucht, um für mich zu erkennen: Ich bin ein „Wegefinder“ und möchte nicht zu den „Gründesuchern“ gehören.

Worin liegt der Unterschied?

„Gründesucher“ richten ihren Blick meist nach hinten und bleiben mit einer „Ja-aber“-Haltung in ihren konservativen, statischen Rollen. „Wegefinder“ hingegen gucken nach vorne und verstehen, wohin die Reise gehen soll. Sie sind offen für Neues, immer auf der Suche und blicken in die Zukunft. Und vor allen Dingen probieren sie auch mal etwas aus.

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Man sieht das sehr schön an der Entwicklung im Smart Home Bereich, welcher zwar in aller Munde ist, aber deutlich schwächer wächst als noch vor acht Jahren angenommen. Der Grund ist, dass die Technik einfach noch nicht bietet, was man sich von ihr erhofft. Das perfekte Kundenerlebnis hat unglaublich viel mit Emotionen zu tun. 

Inwiefern?

Nehmen wir die „Türschließanlage“ im Smart Home. Rein technisch wurde hier alles richtig gemacht. Der Begriff hingegen ist – unter anderem wegen des Sicherheitsaspekts – negativ besetzt. Benennt man die Funktion aus Kundensicht in „Türöffnungsanlage“ um, so bleibt die Technik zwar identisch, doch die Perspektive und das Erlebnis werden positiv verändert. Der Nutzer wird willkommen geheißen, wie von einem professionellen Hotel-Portier.

Wenn die Begrüßung an dieser Stelle noch an die Stimmung des Nutzers angepasst wird – zum Beispiel durch verschiedene Lichtnuancen oder Musikstile – dann kommen wir dem perfekten Kundenerlebnis ganz nah. Noch kann die Technik aber nicht das, wozu wir als Menschen fähig sind: Emotionen innerhalb von Millisekunden aus unserem Gegenüber herauszulesen.

Die Technik hat sich dennoch in den letzten Jahren rasanter weiterentwickelt als jemals zuvor. Wie hat die Digitalisierung Ihren Beruf als Designer beeinflusst?

Die Digitalisierung hat das Design massiv beeinflusst. Und sie hat vor allen Dingen eine Machtverschiebung hin zum Konsumenten forciert. Der Kunde entscheidet durch sein Nutzungs- und Kaufverhalten viel stärker als früher, welches Produkt und welcher Service erfolgreich sind. Designer müssen viel vernetzter und interdisziplinärer arbeiten – und als Gestalter immer die Kundenbrille aufsetzen. 


Wie stellen Sie sicher, dass Vorwerk diese Kundenbrille aufbehält und mit seinen Produkten alltagsrelevant bleibt? 

Dafür gibt es sicher kein Patentrezept. Wir möchten für die Menschen einen „Wow-Moment“ gestalten und Begeisterung auslösen. Das Wichtigste ist, dafür den gesellschaftlichen Wandel im Blick zu behalten und die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen – unabhängig von allen Trends und technischen Neuerungen, die natürlich auch in unsere Produkte einfließen. 

Wir wollen die Menschen vom ersten Moment an begeistern 

Dass bei Vorwerk alles aus einer Hand kommt – vom ersten Strich der Entwurfsskizze, über die Fertigung und Qualitätssicherung, bis hin zum Direktvertrieb – ist aus meiner Sicht ein großer Vorteil. Der exzellente Draht zu den Kunden ist etwas, was wir vielen Unternehmen, die nur über soziale Netzwerke oder persönlich gehaltene E-Mails Nähe erzeugen wollen, voraushaben. Das und unsere Experimentierfreude, die wir uns in jedem Fall bewahren sollten. 

Experimentierfreude spielt auch im neuen Vorwerk Thema mit dem Titel „Entdeckungsreise Alltag“ eine zentrale Rolle. In welchen Momenten wird Ihr Alltag zu einer Entdeckungsreise?

Zu meinem Glück muss ich in dieser Hinsicht gar nicht aktiv werden. Solche Momente liegen in der Natur meiner Rolle und meines Berufes, bei dem ich jeden Tag Neues entdecke.

Eine Sache, die weniger mit Entdecken zu tun hat als vielmehr mit der Reflexion meines Alltags, ist die tägliche Autofahrt von meinem Wohnort Bonn nach Wuppertal und zurück. Das Pendeln nutze ich, um meinen Tag Revue passieren zu lassen und um auf das zu schauen, was vor mir liegt. In dieser Bedenkzeit, die ich im Auto habe, kann ich meinen Gedanken komplett freien Lauf lassen. Das hat etwas Meditatives – ganz ohne andere Menschen, ohne Meetings, ohne Verpflichtungen. 

Herr Delfs, auch wenn Sie gerade nicht hinter dem Steuer sitzen: Können Sie für uns reflektieren, was Sie täglich aufs Neue antreibt und was Ihnen an Ihrem Beruf am meisten Freude macht?

Ich bin hier bei Vorwerk angetreten, den Alltag und das Miteinander der Menschen zu vereinfachen und zu verbessern. Das ist meine Grundmotivation. Das bringt mich dazu, meinen inneren Schweinehund immer wieder zu überwinden.

Und was mir am meisten Freude bereitet… (überlegt nur ganz kurz). Dass ich die Zukunft gestalten darf. Punkt!

Zur Person: Jan Delfs arbeitet seit April für Vorwerk und löste im Sommer Uwe Kemker als Chefdesigner der Division Engineering ab. Delfs studierte Industriedesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel und gründete 2006 sein eigenes Designstudio. Als Autorendesigner entwarf er Haushaltswaren, Unterhaltungselektronik und Interieur für renommierte Unternehmen. Für seine Arbeiten wurde er mit über 80 internationalen Design-Preisen ausgezeichnet. Zuletzt war Jan Delfs neun Jahre lang in verschiedenen Designpositionen für die Deutsche Telekom im Einsatz und verantwortete unter anderem die Hard- und Software-Gestaltung des E-Book-Readers Tolino. 

25.10.2018

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