Vorwerk
Tiny Houses und Mikroapartments

Der große Mann mit dem Sinn fürs Winzige

Bezahlbarer Wohnraum in deutschen Städten wird knapp. Insbesondere Studenten und Pendler entscheiden sich deshalb immer häufiger für ein Leben in so genannten Microapertments oder Tiny Houses. Und die Kleinstwohnungen gelten als Wohnform mit Zukunft. Doch wie bringt man das ganze Leben auf nur wenigen Quadratmetern unter? Nils Holger Moormann entwickelt bereits seit Jahrzehnten Design auf kleinem Raum. Ein Porträt über einen großen Mann mit Sinn fürs Winzige.

Dieser Besuch beginnt in einem kleinen Raum. Drei Holztische stehen auf wenigen Quadratmetern, dazu ein schlichter Tresen, auf dem eine zierliche Stehlampe mit rotem Stoffschirm steht. Hinter einen Tisch, auf eine Eckbank hat sich ein fast zwei Meter langer Herr geklemmt. Dieser große Mann mag es offensichtlich klein. Er beginnt zu erzählen. Auch über seinen kommenden Urlaub spricht Nils Holger Moormann laut und schnell – zudem klingt auch nach Jahrzehnten in Aschau beim Chiemsee der schwäbischen Akzent in seinen Worten.

Zwei Monate wird er bald wieder unterwegs sein, auf engstem Raum, in seinem Wohnmobil, durch Italien – eine dauerhafte Denksportaufgabe: „Wie bringe ich auf wenigen Quadratmetern ein ganzes Leben unter?“, fragt einer der erfolgreichsten Interieur-Designer des Landes. Einer, der das Leben auf wenigen Quadratmetern liebt. Einer, der den aktuellen „Tiny“-Trend schon seit Jahren praktiziert. 

„Wie bringe ich auf wenigen Quadratmetern ein ganzes Leben unter?“

Das Innenleben seiner Busse wandelt sich im Handumdrehen: zu einer Liegewiese, zu einem Arbeitsplatz, zu einem Esszimmer. Details organisieren hier sein Leben – wie die Fußbank hinter dem Beifahrersitz, an der ein Kehrbesen magnetisch befestigt ist. Dieser Minibus war das erste einer Reihe von Projekten, mit denen er dieser Liebe zu Einzelheiten Ausdruck verleiht. Wie das Gartenhäuschen Walden. In dem 3,86 x 1,10 x 6,50 Meter großen Holzkubus finden Gartengeräte genauso ihren Platz wie ein Tisch in der Sitzkoje und ein Schlafplatz im Obergeschoss, der über eine Leiter zu erreichen ist.

Das Lagerfeuer wird in einer ausschwenkbaren Feuerschale entfacht, das Brennholz ist daneben verstaut. An solchen Kleinigkeiten hat Moormann eine diebische Freude: „Design muss einen schmunzeln lassen.“ Auch in seinem Gästehaus „Berge“ finden Besucher solche Eigenheiten: 100 Meter vom Firmensitz entfernt hat er ein Haus aus dem 17. Jahrhundert zur Pension umgebaut – vom Türgriff bis zum Panoramafenster. Weil er für den Garten keine Baugenehmigung hatte, setzte er die dortigen Wohnhütten auf Schienen. „Sie lassen sich jederzeit entfernen“, sagt er und die Augen des 64-Jährigen blitzen dabei wie die eines zehnjährigen Lausbuben.

Dieses Augenzwinkern, das in all seinen Arbeiten zu spüren ist, macht nicht nur den Charakter, sondern auch seinen Erfolg aus: „Er ist die heitere Ausnahme im seriösen Teil der Designermöbelwelt“, sagt Axel Kufus, der das ikonische FNP-Regal entwarf und inzwischen an der Universität der Künste Berlin lehrt. „Zu ihm gehört, auch mal stur zu sein, wenn sich andere dem Winde nach verdrehen.“

„Es ist nicht zeitgemäß, riesige Häuser auf mächtige Grundstücke zu stellen“

Die Umsetzung der nächsten Idee von Moormann steht in den Startlöchern: In einem Neubau im Chiemgau wird im Frühjahr 2017 eine Modellwohnung zum Thema Mikroarchitektur gebaut. Eine 45-Quadratmeter-Wohnung, die „so attraktiv ist wie eine mit 100“. Ein zukunftsweisendes Projekt, schließlich ist in den Großstädten Wohnraum teuer geworden, viele können sich nur eine Miniwohnung leisten. Schließlich gilt es, den Planeten zu schonen: „Ich finde es nicht mehr zeitgemäß, riesige Häuser auf mächtige Grundstücke zu stellen.“ Und schließlich wollen sich die Menschen heute mehr denn je geborgen fühlen.

„In Klötzen lässt es sich viel schwerer cocoonen“, sich in die Privatsphäre zurückziehen. Zudem müssen die Materialien stimmen: „Ich liebe Holz, es altert in Würde und kriegt Charakter.“ Das kombiniert er für einen Kontrast gerne mit Hightech-Materialien. Aktuell ist er Fan von Nanotech-Laminat: „Ein Stoff, der Kratzer verzeiht, immun ist gegen Hitze und Säure. Fingerabdrücke verschwinden nach Sekunden.“ Wie bei den Schrankeinbauten aus diesem Material in seinem VW-Bus.

Überhaupt, die Wirkung auf die Augen. „Licht sorgt für Spannungsverhältnisse, es kommt auf die Lichtfarbe an und darauf, welche Schatten entstehen. Sehen Sie doch nur, was diese kleine Lampe hier bewirkt“, erklärt er und zeigt auf das stehende Exemplar auf der Holzbar, das den kleinen Raum kaum heller macht, aber mit seinem diffusen Licht Atmosphäre schafft.

Und er – wie wohnt er? „In einem 500 Jahre alten Haus, mit so niedrigen Decken, dass ich mir dauernd die Birne anhaue.“ An der Art, wie er über sein Zuhause spricht, merkt der Besucher, wie er es liebt: „Es lässt sich mit Holz beheizen und hat kleine Räume. Wildromantisch!“, sagt er – und lächelt. „Vielleicht war ich ja in einem früheren Leben ein Höhlenmensch?“ Er steht auf. Noch ein Projekt auf den Weg bringen, bevor er sich selbst auf den Weg in den Urlaub macht. Seine große Reise auf kleinem Raum.

Zur Person: Mit Ende 20 entdeckt Moormann seine Liebe zu Möbeln. 1982 beginnt er, Entwürfe von Jungdesignern zu produzieren. Seit 1992 existiert seine Firma in Aschau. 50 Mitarbeiter zählt sie heute, wachsen soll sie nicht mehr: „Klein ist fein.“ 

TEXT Angelika Zahn | FOTOS Robert Fischer

Funktionen vereinen – Raum und Zeit gewinnen

Viel Praktisches auf wenig Raum zusammenfassen – darum geht es auch unseren Designern bei Vorwerk, wenn es um die Weiterentwicklung unserer Produkte geht. So laden im Twercs Koffer gleich vier Werkzeuge gleichzeitig ihre Akkus auf, der Saugwischer von Kobold vereint zwei Funktionen in einem Gerät und der Thermomix kommt sogar auf insgesamt zwölf Funktionen. 

19.05.2017

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