Vorwerk
DIY als Zukunftstrend?

„Gerade das Nicht-Perfekte macht den besonderen Reiz aus“

Roboter werden immer intelligenter. Und sie übernehmen einen immer größeren Teil unserer Aufgaben. Werden wir also in Zukunft alles den Maschinen überlassen? Nicht ganz. Denn Selbermachen und kreative Dinge eigenhändig zu erschaffen ist auch in Zukunft angesagt – sagt zumindest DIY-Expertin Claudia Helming. Die Gründerin und Geschäftsführerin des Online-Marktplatzes DaWanda bietet DIY-Fans seit über zehn Jahren eine Plattform, auf der sie ihre selbst entworfenen Ideen präsentieren können. Im Interview verrät sie, wieso DIY die optimale Ergänzung zum digitalen Alltag ist.

Frau Helming, warum ist es in einer technischen Welt, in der Maschinen vieles übernehmen, wichtig, etwas selber zu machen?

Das kreative Selbermachen ist eine Antwort auf die Konsumgesellschaft. Wir beobachten momentan eine gesamtgesellschaftliche Bewegung hin zu Individualität, Nachhaltigkeit und Handarbeit: Immer mehr Menschen besinnen sich auf alte Werte und kehren der Massenware den Rücken. Do it yourself (DIY) ist ein starker Trend, der immer mehr Anhänger findet. Mit handgemachten Dingen kann man sich einfach wunderbar ausdrücken und von der Masse abheben. Handgemachte Lieblingsstücke oder Geschenke besitzen einen tieferen ideellen Wert.

Ebenso befeuert die Technologisierung den DIY-Gedanken. Gerade geht alles sehr schnell, viele Menschen haben ständig ihre Smartphones im Blick, sind immer online. Da wird es zunehmend schwieriger, zur Ruhe zu kommen. Der kreative Prozess des Selbermachens hat eine beruhigende, fast schon meditative Wirkung – ich kann komplett in die kreative Tätigkeit versinken, die Welt um mich herum für einen kurzen Moment vergessen. 

Was bewirkt dieses „Selbstschaffen“ im Menschen?

Der Prozess des Selbermachens bietet eine willkommene Abwechslung zu den vielen Stunden vor dem PC. Mit den eigenen Händen etwas Neues zu schaffen, das macht stolz und glücklich. Das erdet. Dieses DIY-Gefühl ist unbezahlbar und steht zudem für eine neue Form der Wertschätzung: Man ist mit seinen Händen tätig und fertigt etwas von Anfang bis zum Ende an. Man macht etwas Sinnvolles und ist komplett selbstbestimmt, hat die vollkommene Kontrolle über seine Tätigkeit. Das tut gut in einer Welt, in der wir so wenig kontrollieren können und in der jeden Tag verwirrende und teils auch traurige Informationen auf uns einprasseln.

Gibt es ein neues Bedürfnis des Menschen, sich zu entfalten, wenn dies durch die Technisierung im Alltag unterdrückt wird? 

Ich denke, hier kommt es ganz auf die eigene Einstellung an: Bin ich ein passiver Mensch, verleitet die zunehmende Digitalisierung auch dazu, sich passiv berieseln zu lassen. Im Netz kann man ganz wunderbar Zeit vertrödeln. Allerdings sollte sich jeder dann eingestehen, dass es nicht die technischen Möglichkeiten sind, die einen natürlichen Impuls der Entfaltung unterdrücken. Ganz im Gegenteil: Das Internet bietet unheimlich viel Inspirationen! Hier finde ich kreative Ideen für neue, spannende Projekte, außergewöhnliche Anleitungen und auch die benötigten Materialien kann ich im Handumdrehen bestellen.

Gibt es Bereiche, die Maschinen nicht ersetzen können? 

Das besondere an Handarbeit ist, dass die Produkte am Ende ganz individuell sind und auch mal die eine oder andere Unregelmäßigkeit aufweisen. Dies ist oft sogar gewollt und entspricht dem aktuellen Trend „Wabi-Sabi“. Das ist ein aus Japan stammendes Ästhetik-Konzept, welches die Schönheit des Unvollkommenen betrachtet. Die Ästhetik ist sehr zurückhaltend und geprägt von Reduktion. Gerade das Nicht-Perfekte, Fehlerhafte, macht hier den besonderen Reiz aus. Das kann die raue, unsymmetrische Struktur einer Schale sein, eine interessante Patina auf Vintage-Möbeln, ein „used“ anmutendes Kleidungsstück mit Löchern oder Rissen, aber auch eine Unregelmäßigkeit in einem sonst einheitlichen Strickstück. Erst die Fehler und Besonderheiten machen das Produkt perfekt und lassen den Rest des Werkes umso vollkommener erscheinen. Maschinen machen nur selten so schöne „Fehler“.

Werden wir die einfachen Tätigkeiten des Alltags verlernen und somit noch abhängiger von Technik?

Obwohl ich einen Taschenrechner besitze, habe ich das Kopfrechnen nicht verlernt. Mein Auto hindert mich nicht daran, wann immer möglich auch einmal eine Strecke zu Fuß zu bewältigen. Trotz Spülmaschine kann ich immer noch einen Teller selbst abwaschen. Ebenso kann ich, wenn mein Navigationssystem ausfällt, weiterhin einen Stadtplan lesen. Ich denke, dass wir viel Wissen weiterhin parat haben werden – auch, wenn es vielleicht manchmal etwas länger dauert, dieses zu aktivieren. Warum sollte ich die Vorzüge, die die moderne Technik mir bietet, nicht nutzen? Ich verstehe sie als sinnvolle Ergänzung und Erleichterung, die mir oft viel Zeit erspart, die ich für schöne Dinge aufbringen kann. Und keineswegs als Ersatz, der mich in eine Abhängigkeit katapultiert.

In wieweit wird sich das Selbermachen der Zukunft dann verändern?

Die Motivation zum Selbermachen hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm geändert. Noch im 19. Jahrhundert war zum Beispiel Kleidung stets handgemacht. Erst mit der Industrialisierung wurde auch Kleidung in Massen produziert. Wo also vor wenigen Jahren noch genäht wurde, rattert die Nadel heute aus freien Stücken. Wo früher handwerkliches Können und Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ziehe ich mir heute die Informationen aus dem Netz.

Ich kann nun auch viel freier entscheiden, was ich lernen möchte: Will ich eine Blumenampel knüpfen, eine Mütze stricken oder eine Schale aus Beton gießen? Ich bin kreativ, weil ich etwas Schönes schaffen möchte, nicht weil ich es schaffen muss. DIY macht Freude, es ist en vogue, zusammen kreativ zu sein, sich zum Werken zu treffen.

Erwarten Sie das Bedürfnis nach einem „digitalen Feierabend“, in dem man sich seiner Privatsphäre und schöpferischen handwerklichen Tätigkeiten widmen kann?

 Ich denke, dass neben einem Feierabend auch regelmäßige Atempausen wichtig sind und es durchaus gut tut, einmal den Blick vom Rechner oder Smartphone zu lösen. Als passionierte Hobbygärtnerin finde ich meinen Freiraum beim Urban Gardening. Der Balkon vor meinem Büro ist mein grüner Rückzugsort. Hier wachsen im Sommer Himbeeren und Tomaten, Rosen und verschiedene Kräuter. Hier kann ich abschalten und zu mir finden. 

Erwarten Sie für die Zukunft weitere gegenläufige Initiativen, z. B. ein bewusstes „Entdigitalisieren“ des eigenen Zuhauses?

Ich bin ein sehr onlineaffiner Mensch und begeisterter Computer-, Internet- und Smartphone-Nutzer. Die digitale Technologie erleichtert meinen Alltag ungemein – allein schon durch den uneingeschränkten Zugang zu Wissen und tagesaktuellen Nachrichten. Über soziale Netzwerke kann ich private Freundschaften pflegen oder berufliche Kontakte knüpfen, mich vernetzen. Und natürlich shoppe ich gern online, auch via Smartphone.

Durch meinen Berufsweg wurde meine Leidenschaft zu Online-Plattformen noch zusätzlich entfacht: Gleich mein erster Job nach dem Studium führte mich in ein Onlineunternehmen. Dort erkannte ich das ungeheure Potential an Innovationen, das das Online-Segment birgt – spannende Ideen und Möglichkeiten, Neugründungen und damit verbunden auch neue Arbeitsplätze. Ich habe daher kein Verlangen nach einer dauerhaften und bewussten „Entdigitalisierung“ meines Zuhauses. Für andere Menschen mag jedoch eine Form von Digital Detox, also des reduzierten Gebrauchs elektronischer Geräte, durchaus sinnvoll sein, zum Beispiel, um zu entschleunigen.

Welche Anleitung würden Sie den Menschen für die Zukunft geben – einerseits, um die technischen Möglichkeiten optimal zu nutzen, anderseits, um Freiräume für die persönliche Entfaltung im „Do it yourself“ zu setzen?

Ich denke, dass technische Weiterentwicklungen die persönliche Entfaltung nicht zwangsweise kannibalisieren, sondern dass beide vielmehr Hand in Hand gehen, sich ergänzen und befruchten. Wer die technischen Möglichkeiten aktiv nutzt und sich zu eigen macht, kann viel kreativen Input aus ihnen ziehen und einer persönlichen Entfaltung steht nichts mehr im Wege – ob ich diese nun durch Stricken, Kochen, Gärtnern, Basteln oder eine ganz anderen Tätigkeit realisiere.
 


Zur Person: Claudia Helming wurde 1974 im bayerischen Burghausen geboren. Sie studierte Romanistik und Tourismus und gründete 2006 mit DaWanda einen Onlinemarktplatz für Handgemachtes. Anfangs für diese vermeintlich verrückte Idee belächelt, zählt Helming heute zu den erfolgreichsten Internetunternehmerinnen Deutschlands. (Fotos: Boris Breuer für DaWanda)

09.06.2017

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