Vorwerk
Künstliche Intelligenz

„In Japan sind Roboter die omnipräsenten Helfer“

Ob „Star Wars“, „A.I. Artificial Intelligence“ oder „I, Robot“ – Roboter, die dem Menschen verdammt ähnlich sehen, kennen wir vor allen Dingen aus Science-Fiction-Filmen . Doch humanoide Roboter erobern längst auch die Wirklichkeit. Während sie in einigen Kulturen großes Unbehagen auslösen, sind die menschenähnlichen Maschinen in Japan längst akzeptiert.

Auch für Dr. Sven Wachsmuth von der Uni Bielefeld gehören Humanoiden zum Alltag. Der Robotik-Experte testet, wie intelligente Helfer zuhause eingesetzt werden können und untersucht, wie Mensch und Roboter miteinander kommunizieren. Dabei stellt er fest: Menschliche Eigenschaften können durchaus ihren Vorteil haben.

Herr Dr. Wachsmuth: Warum haben Menschen die Neigung, Produkte und damit auch den Roboter zu vermenschlichen?

Das Prinzip, das hier zugrunde liegt, nennt sich „Anthropomorphismus“. Das heißt, dass wir Gegenständen menschliche Eigenschaften zusprechen. In der Vergangenheit waren es Götter, Tiere, Naturgewalten – heute sind es auch andere Dinge. In der Robotik unterscheiden wir dabei zwischen antromorph und humanoid, wobei letzterer Begriff auf das äußere Erscheinungsbild verweist und den Versuch, Roboter so zu bauen, dass sie dem Menschen möglichst ähnlich sehen.

Anthropomorphismus verwenden wir auch in der Tierform, zum Beispiel bei Roboter-Robben oder Roboter-Katzen, denen menschliche Eigenschaften zugesprochen werden. Das greifen Designer bewusst auf, da die Leute den Gegenstand so positiver wahrnehmen und mehr Vertrauen zu ihm haben. 

Man versucht also, menschliche Merkmale bewusst einzusetzen?

Ja. Selbst wenn ein Katzendesign gewählt wird, werden trotzdem menschlichere Merkmale eingesetzt. Als Augen werden beispielsweise große Kulleraugen statt ähnlichen Tieraugen genutzt. In der Interaktion der Menschen mit diesen Geräten sehen wir dann deutliche Unterschiede.

Inwiefern?

Man spricht hier von „Theory of Mind“-Eigenschaften, die dem Gegenüber die Fähigkeit zuschreiben, auch mit mentalen Zuständen umzugehen. So ließen wir in einem Experiment verschiedene Menschen erst mit einem normalen Computer spielen, dann mit einem weiteren in Form eines Lego-Roboters sowie mit einem humanoid gestalteten Kopf. Wir stellten fest, dass die Leute bereits dem Lego-Roboter eine gewisse mentale Stärke zuschrieben. Das setzte sich beim humanoiden Roboterkopf fort. Dies konnte man anhand aktivierter Gehirnregionen messen.
 

Für mehr Sympathie: Das äußere Erscheinungsbild von Tierrobotern wie dieser Katze wird bewusst dem Menschen angepasst.


Wie sieht es aus mit der Sympathie? Warum finden wir Puppen und Teddys niedlich, humanoide Roboter aber nicht?

Das kann man nicht verallgemeinern. Es gibt unterschiedliche Roboter, die beispielsweise comicartig gestaltet sind und diese rufen den Niedlichkeitseffekt hervor. Es wird häufig versucht, sich an dem Kindlichkeitsschema zu orientieren, um positive Effekte – insbesondere Zuneigung und Vertrauen – aufzubauen.

Abneigung wird eher dann hervorgerufen, wenn eine Inkonsistenz auftritt. Beispielsweise wenn ein Roboter sehr menschenähnlich gestaltet ist, aber ein Bruch im Ablauf entsteht. Das kann passieren, wenn sich etwa das Gesicht bewegt und die Haut dabei unnatürlich knittert. Oder wenn die Bewegung sehr ruckartig erfolgt und wir glatte Bewegungen erwartet haben. 

Ist es richtig, dass wir Robotern mit menschlichem Aussehen zurückhaltend begegnen? 

Bei uns in der Robotik besagt die „Uncanny Valley“-Theorie, dass die Attraktivität einer Plattform steigt, wenn die anthromorphen, also menschlichen Merkmale steigen. Wenn der Roboter aber sehr nah am Menschen orientiert ist und ein Bruch bei bestimmten Erwartungen hervortritt, kann sich diese Zuneigung schnell in Abneigung verwandeln.

Worin sehen sie dies begründet? In Japan haben humanoide Roboter schon lange einen akzeptierten Platz in der Gesellschaft.

Natürlich hängen solche Reaktionen mit dem kulturellen Hintergrund der Menschen zusammen. In Japan werden Roboter grundsätzlich positiver bewertet. Das fängt schon damit an, dass Roboter als Helden in Kindercomics vorkommen und als omnipräsenter Helfer dargestellt werden. Auch ist das Demographie- und Arbeitskräfte-Problem größer als in Europa. So werden Roboter nicht als Bedrohung wahrgenommen.
 

Ein Student aus Kyoto mit Technik-Spinne: In Japan werden Roboter grundsätzlich positiver bewertet als hierzulande.


Es gibt Studien, die zeigen, dass sich manche Menschen gegenüber Robotern sehr gehorsam zeigen? Warum ist das so?

In den meisten Fällen stellt der Nutzer zuerst eine Anforderung an den Roboter und dem Service wird erst einmal gefolgt, ohne einen Haken dabei zu erkennen. Wir haben aber auch in Studien gesehen, dass dieser Gehorsam nur so lange hält, wie Menschen sich dem Roboter überlegen fühlen. Gewinnt aber der Roboter z. B. andauernd bei einem Memory-Spiel, fangen die Menschen an zu schummeln und zu rebellieren. Sie glauben, dass der Roboter einen Vorteil hat, der unfair ist. Und verhalten sich dann eben nicht mehr so, wie es ihnen der Roboter sagt.

Mit wie viel künstlicher Intelligenz können wir in Zukunft umgehen?

Ich glaube das ist eine Frage, die sich viel genereller stellt, als nur auf Roboter bezogen. Insbesondere, wenn man sich die neuen Service-Agenten wie Apple „Siri“, Amazon „Alexa“, Google „Now“ oder IBM „Watson“ ansieht, die ihre künstliche Intelligenz als Cloud-Service präsentieren. Für mich sind sie von der Datenauswertung her viel schwieriger zu greifen als ein physischer Roboter, der vor mir steht. Zwar sind bei Robotern auch nicht immer alle Interaktionen eindeutig nachvollziehbar, wir versuchen sie aber in transparente Modelle zu übersetzen.

Wenn Roboter Teil unseres Haushalts werden, müssen wir dann nicht auch Verantwortung für ihr Verhalten tragen?

Wenn ich einen Roboter für zu Hause kaufe, dann übernehme ich die Verantwortung für das Produkt im Einsatz. Gleichzeitig kann ich nicht immer einschätzen, ob eine Fehlfunktion vorliegt oder ein bewusstes Verhalten des Roboters abläuft. Wie am besten signalisiert wird, was Roboter aus einer bestimmten Situation heraus im Haushalt als nächstes tun werden – das ist einer der Schwerpunkte, woran wir derzeit arbeiten. Hier geht es um Intentionen, die verbal und nonverbal kommuniziert werden.

Welche Vorbereitung braucht man, bevor ein Roboter zu Hause einzieht?

Das ist noch nicht so klar ausdiskutiert. Vielleicht brauchen wir einen Roboter-Führerschein. Man muss aber auch sehen, dass sich die Roboter nicht nur in bestimmter Weise verhalten, weil sich ein Ingenieur einen Algorithmus ausgedacht hat. Roboter lernen von den Daten ihrer Benutzer und passen ihr Verhalten daraufhin an. Das heißt zu einem gewissen Grad „programmieren“ sich Roboter durch die Interaktion mit dem Benutzer selber um. Wer dann die Verantwortung trägt, bleibt noch eine offene Frage.

Welche ethischen Abwägungen muss es aus Ihrer Sicht vor dem Einsatz von Robotern geben?

Zum einen müssen wir die Frage klären, inwieweit Roboter bei der Bewältigung des Alltags helfen sollen, ohne die Selbstbestimmung des einzelnen zu verletzen. Zum anderen geht es um Sicherheit. Wollen wir die Verantwortung an die Technik abgeben? Solche Fragen sowie das Recht auf Privatheit werden derzeit auch in der Soziologie und Rechtswissenschaft erforscht.
 


Zur Person: Dr. Sven Wachsmuth ist Leiter des Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) an der Universität Bielefeld. Der Computerwissenschaftler erforscht die Interaktion zwischen Mensch und Roboter und testet, wie Roboter als intelligente Helfer zuhause eingesetzt werden können.

Der Roboter als Familienmitglied

Finden wir Roboter sympathisch? Bei Vorwerk haben wir mit unserem Kobold Saugroboter VR200 viele positive Erfahrungen machen dürfen. Denn einige unserer Kunden schätzen ihren Staubsauger Roboter nicht nur als praktischen Helfer im Haushalt, sondern geben ihm auch Namen und bezeichnen ihn sogar als neues Familienmitglied.

21.04.2017

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