Vorwerk
Lebensqualität durch Entschleunigung?

Besuch bei einem gestressten Müßiggänger

Seit Jahren propagiert Tom Hodgkinson in Büchern und Zeitschriften „Entschleunigung“. Und das so erfolgreich, dass sein Alltag zunehmend hektisch abläuft – wie der Autor Fabrice Braun bei seinem London-Besuch für das Vorwerk Magazin „Stil und Leben“ festgestellt hat.

So hatte ich mir das vorgestellt: Wir schlendern entlang eines Kanals. Neben uns liegen Hausboote, bemalt, mit Pflanzen dekoriert. Auf einem Deck wächst wilder Wein, auf einem anderen hat jemand aus einem Rettungsring einen Blumentopf gebastelt. „Welcome to Little Venice“ steht auf einem Schild. Eine Idylle der Langsamkeit mitten in der Millionenstadt London. Ich bin hier, weil ich von Schriftsteller Tom Hodgkinson das Nichtstun lernen will. Der 48-jährige Engländer hat Bestseller wie „Anleitung zum Müßiggang“ geschrieben. Der Titel seines neuesten Buchs: „Business for Bohemians“. Ich bin hier, weil ich mich oft gestresst fühle. Jüngst versuchte ich erfolglos, beim IT-Support anzurufen. Die Kollegin bemerkte, dass ich die Nummer auf dem Ziffernblock meiner Tastatur eintippte. 

Yoga, Malbücher, Achtsamkeits-Apps? Lassen Sie sich gehen – bleiben Sie einfach mal liegen. 

Methoden gibt es viele, dem Stress zu trotzen. Yoga, Malbücher, Achtsamkeits-Apps. Tom Hodgkinson rät, weniger zu arbeiten, sich öfter gehen zu lassen, morgens mal liegen zu bleiben und sich endlich die Zeit zu nehmen, das Leben zu genießen. In seiner „Anleitung zum Müßiggang“ schreibt er: „Zweck dieses Buchs ist es, die westliche Arbeitsmoral zu attackieren, die so viele von uns noch immer versklavt, demoralisiert und deprimiert.“ Aber woher soll ich mir heute die Zeit nehmen, zum tiefenentspannten Müßiggänger zu werden? Deswegen flaniere ich nun durch London. Das Ambiente passt zu einem Gespräch über das Nichtstun, die Teilnehmer nicht. Hodgkinsons Labrador Pilot zerrt an der Leine, der Schriftsteller ist im Stress – die Termine!


Die Eile vernebelt die malerische Szenerie um den Grand Union Canal. So war das nicht geplant. Ich war sicher: Wer könnte Entschleunigung besser erklären als Hodgkinson, der seit mehr als 20 Jahren ein Magazin mit dem Namen „Idler“, „der Müßiggänger“, herausbringt. In der Zeitschrift mit dem Untertitel „The Art of Living“ (Die Kunst des Lebens) schwärmen Autoren vom „Slow Cycling“ in Transsilvanien, vom Bienenzüchten in der Großstadt, ein Schmied erzählt aus seinem Leben und Monty-Python-Schauspieler Michael Palin erklärt, wieso uns Aufschieben kreativer macht.
 

Seit über 20 Jahren gibt Hodgkinson den „Idler“, „Der Müßiggänger“, heraus. Das Magazin propagiert das langsame, genussvolle Leben.

Also Anruf in London: „Können sie mir zeigen, wie man entschleunigt?“ – „Aber natürlich, kommen sie vorbei.“ Zwei Tage gemeinsamer Müßiggang? „Ein Tag, ich habe ziemlich viel zu tun.“ Dass das Flugzeug morgens um 6:30 Uhr abhebt, passt nicht zu Hodgkinsons Lehre, in der es heißt: „Wenn Sie sich Gesundheit, Reichtum und Glück wünschen, dann werfen Sie als erstes ihren Wecker weg!“. Auf dem Weg zum Flughafen lese ich auf meinem Smartphone seine E-Mail, gesendet um 0.22 Uhr: „Können wir uns etwas später treffen? Vorher doch noch ein Meeting.“ Klar, wir haben ja Zeit heute. Also ich zumindest.

Früher haben Menschen mehr gelebt. Wir müssen wieder dorthin kommen. 

Das kleine Büro des „Idler“ liegt in einem Kreativ-Park in Notting Hill, einem hippen Viertel im Westen Londons. Architekten, Modedesigner und Künstler arbeiten auf dem ehemaligen Fabrikgelände in ihren Ateliers. Der Profi-Müßiggänger wirkt abgehetzt als er mich begrüßt. „Entschuldigung, ein Interview am anderen Ende der Stadt.“ In seinem dunkelblau-karierten Anzug mit Einstecktuch, kariertem Hemd und den wirren, lockigen Haaren sieht Hodgkinson so lässig-elegant aus, wie das nur Engländer können. Eigentlich wollte er mir jetzt zeigen, was ein vorbildlicher Müßiggänger macht: ziellos durch die Stadt spazieren, auf einer Bank abhängen, auf der Ukulele spielen, faul sein. „Die industrielle Revolution hat uns die Hektik beschert, früher haben Menschen weniger gearbeitet, mehr gelebt. Wir müssen wieder dorthin kommen“, lautet sein Credo. Uns bleiben 90 Minuten, um durch London zu spazieren. „Das reicht doch, oder?“


Wir hetzen mit Pilot am Kanal entlang. Im ersten Moment der Ruhe klingelt sein Telefon. Tom Hodgkinson zieht ein Handy aus der Tasche, das vor zehn Jahren modern gewesen wäre. Auf der Rückseite klebt ein Aufkleber in Form einer Schnecke – das Logo seines Magazins. Nach dem Telefonat sagt er: „Ich hatte mal ein iPhone, aber das Checken der E-Mails hat mich gestresst.“ Sein Telefon ist ein Symbol für die Zeiten als sein Leben so entspannt war wie er in seinen ersten Büchern beschrieb: 2003 zieht er mit seiner Frau Victoria und den drei Kindern aufs Land, nach Devon. Aber nur vom Bücher schreiben und dem Magazin können sie auf Dauer nicht leben. Vor fünf Jahren eröffnet er deshalb in Notting Hill die „Idler Academy“ mit Buchladen und einem Café. Angehende Müßiggänger lernen dort, wie man Bier braut und Tiere präpariert. Es gibt Kurse über Schönschrift und antike Philosophie.
 

Zum Ukulele spielen kommt Tom Hodgkinson als Gründer der Idle Academy, Autor und Vater von drei Kindern inzwischen viel zu selten.

Doch die Müßiggänger-Akademie bewirkt das Gegenteil: Als Geschäftsmann muss er sich mit Dingen beschäftigen, von denen er keine Ahnung hat – und das rund um die Uhr. Er ist nun Teil der Tretmühle, vor der er seine Leser immer gewarnt hatte. „Früher war ich Schriftsteller. Jetzt kümmere ich mich darum, mehr Besucher auf die Website zu leiten. Wie konnte das passieren?“, fragt er in seinem Buch „Business für Bohemians“. Vertreter der reinen Müßiggänger-Lehre hatten ihm das schon früher vorgeworfen: Ein Buch zu schreiben – das sei doch zu viel Arbeit. Heute muss er sich mit privateren Kritikern rumschlagen, denn sein Sohn nutzt die Bücher des Vaters, um das Rumhängen mit Freunden zu rechtfertigen. „Es ist schwierig“, seufzt Hodgkinson, der zu Hause Bilder mit dem Symbol der Schnecke aufgestellt hat. „Aber schon Ovid hat gesagt: ,Folgt nicht meinem Beispiel, folgt meinem Rat’.“

Schon Ovid hat gesagt: ‚Folgt nicht meinem Beispiel, folgt meinem Rat‘ 

Es ist tröstlich, dass ich nicht alleine bin – mit meinem Unvermögen, mich dem Stress zu entziehen. Hodgkinson aber hat Konsequenzen gezogen: Er hat Café und Buchladen geschlossen, die Idler-Academy bietet ihre Kurse jetzt vor allem Online an. Er widmet sich verstärkt dem Schreiben und seinem Magazin. „Das hätte ich schon viel früher wieder machen sollen.“ In den 90 Minuten ist es dunkel geworden in London – als wir bemerken, dass jemand fehlt. „Wo ist Pilot?“ Wir eilen den Kanal entlang – und finden den Labrador unter einem Baum. Pilot wälzt sich im Laub und wedelt mit dem Schwanz. Ja: Er ist der einzig wahre Müßiggänger.

TEXT Fabrice Braun | FOTOS Ana Cuba

13.03.2018

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