Vorwerk
Begehrtes deutsches Design

„Wir stoßen Dinge an, die auch mal unbequem sind“

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an erfolgreiche deutsche Unternehmen denken? Sehr wahrscheinlich denken Sie an Maschinenbauer. Oder an die zuverlässige Technik, um die uns viele Nationen schon immer beneiden. Aber denken Sie auch an das Thema Design? Nein? Nach unserem Interview mit Vorwerk Chefdesigner Uwe Kemker könnte sich das ändern.

Was vielen nicht bewusst ist: Deutsches Produktdesign ist seit Jahren weltweit sehr gefragt. 2011 feierte das Londoner Fachmagazin „Wallpaper“ das deutsche Design als „risikofreudig“, „experimentell“ und „zukunftsweisend“ – und titelte dazu: „How Germany became a design superpower“ („Wie Deutschland zur Design Supermacht wurde“). Doch wann genau ist das eigentlich geschehen? Wir haben diese Frage weitergegeben – und mit Uwe Kemker über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Produktdesigns gesprochen.

Herr Kemker, deutsche Firmen waren schon immer für ihre Techniker und Maschinenbauer bekannt. Doch seit wann haben wir denn auch beim Design die Nase vorn?

Ob wir wirklich die Nase vorne haben, weiß ich nicht zu beurteilen, zumal ich auch die Arbeit vieler internationaler Designer, u.a. aus Japan, mit Interesse und Bewunderung verfolge. Dass deutsche Unternehmen aber sehr erfolgreich im Bereich Design arbeiten, ist auf jeden Fall in der Historie begründet und unter anderem ein Verdienst der einfachen Formsprache der Bauhaus-Schule. Hier wurden schon sehr früh die Prozesse der Produktentwicklung mit dem Design in Verbindung gebracht und das Wissen aus verschiedenen Disziplinen wie Kunst, Kultur und Kunsthandwerk miteinander verbunden.

Auch das Braun-Design von Dieter Rams, der stark durch die Ulmer Hochschule für Gestaltung geprägt wurde, hat eine reduzierte und funktionale Ästhetik, die bis heute großen Einfluss auf das internationale Design ausübt.

Was macht gutes Design denn überhaupt aus?

Gutes Design darf nicht zwingend technologiegetrieben, sondern muss nutzerorientiert sein. Über das Beobachten von Alltagssituationen kann ich ausmachen, wo der Nutzer noch Probleme hat und dafür Lösungen entwickeln. So bin ich auch auf die Idee gekommen, die Rezeptanleitung direkt auf das Display des Thermomix zu bringen. Wie oft guckt man ins Kochbuch, hat aber kurz darauf schon wieder vergessen, bei wieviel Grad man die Zutat denn nun zubereiten soll. Ich wusste: Die Anleitung muss mit in das Gerät.

Das Beispiel zeigt auch: Design sollte verständlich sein, intuitiv funktionieren und die Dinge auf das Wesentliche reduzieren – worin im Übrigen die große Herausforderung und Kunst unserer Branche liegt. Und ein guter Designer stößt auch mal Dinge an oder spricht Wahrheiten aus, die für sein Team oder das Unternehmen unbequem aber herausfordernd sind.
 


Wie können solche unbequeme Wahrheiten denn aussehen?

Um beim Beispiel Thermomix zu bleiben: Bei der Gestaltung des TM5 hatten wir uns eigentlich schon auf eine Bedienung mit drei Knöpfen konzentriert: Einen fürs Heizen, einen für die Zeiteinstellung und einen für die Drehzahl. Mitten in der Entwicklungsphase haben mein Designteam und ich jedoch gesagt: „Wenn wir es dem Nutzer wirklich einfacher machen und übersichtlicher werden wollen, dann brauchen wir nur einen Knopf.“ Das hat natürlich zu riesigen Diskussionen im Entwicklungsteam geführt. Am Ende konnten wir mit dieser Idee aber alle Beteiligten überzeugen, obwohl zusätzlicher Entwicklungsaufwand notwendig war. 

Wenn Sie vom Durchsetzen neuer Ideen sprechen: Hat sich die Arbeit als Designer in den letzten Jahrzehnten denn verändert?

Natürlich hat sich durch das Internet die Flut an Daten verändert, die auf uns Designer einströmt und damit die Zahl der potenziellen Inspirationsquellen, die wir im Auge haben müssen. Auch in den Bereichen Materialforschung, Produktfertigung und Technik hat sich vieles getan – wobei ich in diesen Feldern auch schon früher ständig dazulernen musste und wollte.

Als Chefdesigner muss ich heute allerdings auch deutlich strategischer denken als vor 35 Jahren. Im Hinterkopf behalte ich immer, was das Design für die Marke Vorwerk bedeutet – und für die gesamte Produktwelt, die wir gestalten wollen. Im Unternehmen selbst haben sich die Wahrnehmung und der Stellenwert von Design im Vergleich zu früher deutlich gesteigert.

Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen Sie aber nicht nur im Unternehmen, sondern auch von den Fachjurys verschiedener Design-Preise. Welche Rolle spielen diese Auszeichnungen?

Sie spielen in erster Linie für die Kommunikation und Außenwahrnehmung des Unternehmens Vorwerk eine wichtige Rolle. Schließlich haben Wettbewerbe wie z.B. der German Design Award den Anspruch, zu zeigen, was Design eigentlich für eine Marke bedeutet.

Und zugegeben: dass man durch eine Expertenjury im Design eines Produktes bestätigt wird, macht mich und mein Team auch stolz.
 


Und was sagen Sie, wenn ihre Arbeit von anderen Designern kopiert wird?

Das kommt immer darauf an: Wir wissen zum Beispiel, dass wir mit unserer neuen Design-Sprache, die wir vor einigen Jahren etabliert haben, schon Einfluss ausüben. Wenn dann junge Studenten unseren Akkusauger als Element für ihre Moodboards nutzen, fühlt man sich durchaus geehrt.

Einfach dreist und platt kopiert zu werden, gefällt uns aber natürlich nicht – weder dem Unternehmen Vorwerk, noch mir selbst. Zumal die Kopien häufig auch schlecht ausgeführt sind.

Herr Kemker, blicken Sie zum Abschluss mit uns in die Zukunft: Wie wird sich das Design in den nächsten Jahren verändern?

Es ist abzusehen, dass immer mehr digitale Inhalte Einzug in die Produkte erhalten werden. Außerdem wird die Handhabung immer intuitiver – sei es durch Sprachsteuerungen oder durch Anwendungen aus dem Bereich der Augmented Reality.

Überhaupt gibt es viele technische Trends, die wir momentan beobachten, die mich im Gebrauch aber oft noch nicht überzeugen können. Wie weit bringt mich zum Beispiel eine Kamera, die mir zeigt, dass noch eine Milchtüte im Kühlschrank ist, aber nicht, wie voll diese noch ist?

Gerade bei digitalen Anwendungen ist es als Designer wieder unsere Aufgabe, Inhalte zu reduzieren und dem Nutzer die Handhabung so einfach wie möglich zu machen. Für Vorwerk kann ich versprechen, dass wir hier nie irgendwelchen kurzfristigen Trends folgen werden, sondern unseren Fokus immer auf Qualität legen werden. 

Zur Person: Uwe Kemker absolvierte sein Design-Studium an der berühmten Folkwang Universität der Künste in Essen und erhielt zweimalig den begehrten „Braun Preis für technisches Design“. Seit über 35 Jahren arbeitet er bei Vorwerk und zeichnet als heutiger Chefdesigner maßgeblich für die vollständige Überarbeitung des Produktdesigns seit 2009 verantwortlich. Auch für diese Arbeit wurden er und sein Team mehrfach aufgezeichnet. 

08.08.2017

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