Vorwerk
Das Familienexperiment

Eine Woche ohne Meckern und Nörgeln

Die Beckers mussten erst einmal überlegen, ob sie für dieses Experiment überhaupt in Frage kommen. Denn „Meckern und Nörgeln - das kommt bei uns doch gar nicht vor!“ Von wegen! Schon bei der Diskussion, ob man der Höflichkeit eine Woche lang Tür und Tor öffnet, wird klar: Auch bei der fünfköpfigen Familie aus Köln ist die Nörgelei ein häufiger Gast.

„Die Kinder kommen aus der Schule und schmeißen die Ranzen einfach in die Küche. Die stehen dann im Weg rum und dann gibt’s schon mal Mecker“, erzählt Katrin Becker. Die drei Schulranzen gehören ihren Kindern Leo (12), Janne (10) und Lucy (7). Sie wohnen im oberen Geschoss des alten, umgebauten Hofes, in dem Familie Becker in Köln lebt. Unten im Haus liegen die gemütliche Wohnküche, das Wohnzimmer und das Arbeitszimmer der Eltern. Katrin (40) arbeitet als Lehrerin, ihr Ehemann Daniel (41) ist selbständiger Schreiner.

Arbeit, Schule, Hausaufgaben, Sport und Verabredungen − bei fünf Leuten gibt es eine ganze Menge zu organisieren. Klar, dass hier nicht immer nur Friede, Freude und Eierkuchen auf den Tisch kommen und sich Stress manchmal nicht vermeiden lässt. Aber gemeckert wird nicht nur in Stressphasen. „Zum Nörgeln kann es kommen, wenn ein eigenes Bedürfnis nicht erfüllt ist – zum Beispiel das nach Schlaf, Ordnung, Aktivität oder Ruhe“, erklärt Karoline Trautner, Psychologin aus Köln. Es falle dann manchmal schwer, diesen Zustand zu akzeptieren und man neige dazu, von einer anderen Person zu erwarten, dass sie dieses Bedürfnis erfülle.

„Gerade wenn mich der Autoverkehr auf dem Heimweg nervt, dann passiert es schon, dass ich zu Hause lauter werde“, erzählt Vater Daniel. Und auch Sohn Leo gibt zu, dass es nicht immer ohne Meckern geht: „Wenn ich Hausaufgaben machen möchte und Janne zum Beispiel Lego baut, dann hört er gern Radio. Und das nervt mich dann.“ Normalerweise rennt Leo in solchen Situationen in das Zimmer seines Bruders und beschwert sich. Doch für mindestens eine Woche soll das anders werden. Die Beckers lassen sich auf ein Experiment ein: Sieben Tage lang verzichten sie auf jegliches Meckern und Nörgeln. Statt zu motzen, möchten sie sich freundlich darauf hinweisen, was sie stört und so den Stress reduzieren.
 


Die Spielregeln: Freundlich sein statt meckern

Es ist Sonntagabend. Die erste Woche nach den Winterferien steht an. Der Friede der Weihnachtszeit liegt noch in der Luft, als die fünf Beckers am Küchentisch die Regeln für das Experiment besprechen und auf einer Tafel sichtbar für alle festhalten: Mit Achtsamkeit wollen sie Meckersituationen zunächst überhaupt einmal erkennen, um dann kurz innehalten und sich beruhigen zu können. So schaffen sie sich Zeit, die Situation zu erfassen. Sie werden sich fragen: Was stört mich wirklich? Warum bin ich gereizt? Und was hat dies mit den Menschen zu tun, die mich gerade umgeben?

Möchte man dem Gegenüber dann tatsächlich etwas sagen, drückt man es auf freundliche Art und Weise aus. Lucy nimmt sich zum Beispiel vor, beim Haare kämmen nicht zu quengeln. Stattdessen möchte sie ihre Mutter bitten: „Kannst du bitte nicht so feste kämmen“. Ob das klappen wird? 

Raus aus der Gewohnheit, rein in mehr wertvolle Familien-Zeit 

Der erste Tag des Familienexperiments ist geprägt von Motivation und Neugierde. Für Lucy ist es auch der erste Schultag nach den Ferien. An ihrem Tisch sitzen Jungs, die sie im Unterricht nerven. Heute hat sie das erstmal für sich beobachtet, aber noch nichts dazu gesagt. Leo ertappt sich selbst dabei, wie er seinen kleinen Bruder anmeckert, als dieser ihm sein Handy weggenommen hat. „Ich habe das dann aber gemerkt und versucht, das anders zu sagen“, erzählt er. „Lieber Janne. Kannst du mir bitte mein Handy wiedergeben“, ist seine neue Formulierung. Er muss es zwar zweimal wiederholen, aber Leo ist überrascht, dass er sein Ziel auch ohne Brüllen erreicht. Die Stimmung ist harmonisch, wobei Mama Katrin zu bedenken gibt, dass es so kurz nach den Ferien auch noch keine Momente gab, in denen sie alle unter Zeitdruck standen.

„Wenn das allgemeine Stresslevel höher ist, ist es auch viel wahrscheinlicher ins Nörgeln zu verfallen oder jemanden unkontrolliert anzumeckern“, weiß Psychologin Trautner. An diesem und dem folgenden Tag merken die Beckers, dass sie Achtsamkeit erlernen müssen, um überhaupt wahrzunehmen, dass sie gerade nörgeln. „Die Gewohnheit zu durchbrechen, fällt gar nicht so leicht“, bemerkt auch Vater Daniel und freut sich sehr, dass die Familie durch den Verzicht auf kleine Streitereien den Stress reduziert und wertvolle gemeinsame Zeit am Abend gewinnt.
 


Achtsamkeit im Alltag heißt: die eigenen Erwartungen herunterschrauben

Mitte der Woche – Katrin backt einen Kuchen und nörgelt. „Der ist zu trocken, der ist mir gar nicht gelungen.“ Das sei typisch, meinen die Kinder. „Du versalzt uns manchmal die Suppe damit, dass du immer etwas an deinem eigenen Essen auszusetzen hast“, erzählt Daniel. Dabei schmecke es doch wunderbar.

Aber auch Daniel erkennt, dass er manchmal an sich selbst rumnörgelt, wenn auf der Arbeit die Dinge nicht so laufen, wie er sich das vorstellt − und prompt sind auch zu Hause seine Nerven angespannter. Die Söhne erledigen das Aufräumen der Küche am Abend nicht wie gewünscht und am liebsten würde er explodieren. Er zählt bis zehn und versucht es auf die freundliche Art. Das will aber nicht immer gelingen. „Ich merke, dass es eigentlich immer um Erwartungen geht, die nicht erfüllt werden“, stellt er fest.

Lesetipp: Eine Woche ohne Meckern übers Essen

Die Kinder gestehen, dass sie in diesen Tagen nicht komplett aufs Meckern verzichten konnten. „Heute waren Jungs in meiner Klasse im Matheunterricht so laut, dass ich gemeckert habe“, lautet Jannes Tagesbericht. Und auch der Rest der Beckers kann kritische Situationen des Tages sofort benennen. Das Bewusstsein für Momente, in denen gemeckert wird – das ist gewachsen.

Dennoch klappt es nicht immer, Stress zu vermeiden und freundlich zu bleiben. Als seine Schwester Lucy ihn aussperrt und in Unterhose vor der Tür schmoren lässt, kann Leo sich nicht beherrschen und wird laut. „Die Automatismen nehmen einfach zu schnell wieder Überhand“, berichtet Vater Daniel. In gewissen Situationen impulsiv zu reagieren, sei bei ihm über Jahre erlernt und nicht so leicht ausschaltbar.
  


Nörgeln raubt zu viel Energie

Katrin muss Halbjahreszeugnisse schreiben. „Ohne unser Experiment würde ich in dieser Phase viel nörgeln und quengeln“, weiß sie. Aber sie bemüht sich um Achtsamkeit und ist erstaunt. „Ohne meine Quengelei komme ich mit meiner Arbeit ganz gut voran! Ist Nörgeln nur ein Zeiträuber?“, fragt sie sich. „Nörgeln ist auf jeden Fall ein Energieräuber“, erklärt die Psychologin Karoline Trautner. „Der Körper fährt hoch und das kostet Kraft.“

Die Kinder in der Schule nennen Katrin manchmal „Frau Mecker“ statt Frau Becker, gibt sie lachend zu. Vielleicht ändert sich das bald. Denn ihr wird langsam klar, dass sie mit Meckern nicht weiterkommt. Mit Lucy spricht sie freundlich über das ständige „Nicht-ins-Bett-wollen.“ Gemeinsam arbeiten sie an einer Lösung und einigen sich in Ruhe auf eine feste Uhrzeit.

Achtsamkeitsübungen: Ein Zeichen als Gedankenstütze?

Drei Tage nach dem Experiment: Wir treffen die Beckers, um über die Erfahrungen der vergangenen Woche zu sprechen. „Ganz anders“, sei die Woche gewesen erzählt Leo. „Man musste sich schon sehr bemühen, das mit dem Meckern zu lassen.“ Janne gefiel vor allem das Innehalten, das er geübt habe, indem er bis zehn zählte. Aber um wirklich etwas zu verändern und so den Stress zu reduzieren, brauche es viel mehr Zeit, glaubt Familienvater Daniel: „Das ist so drin, das kannst du so leicht nicht abstellen.“

Lesetipp: Auch genervt von der Hausarbeit? Jetzt ist Schluss damit!

Um sich auch über die Woche hinaus mal ans Achtsamsein und an die Freundlichkeit zu erinnern, könnte ein Zeichen helfen, überlegt die Familie. „Vielleicht so ein Herz auf dem Handrücken“, schlägt Daniel vor. „Oder ein Buddha in der Küche“, überlegt Katrin lachend, die Gefallen daran gefunden hat, mal für eine Woche etwas Alltägliches in den Vordergrund zu rücken – und dann bewusst darauf zu achten. Denn genau darum ging es bei dem Experiment: Mal die Richtung ändern und sich dabei beobachten. „Ich weiß zwar noch kein Thema. Aber das könnten wir mal wieder machen“, meint Katrin.

Bei den Beckers hat die nörgelfreie Zeit etwas bewegt und sie sind neugierig darauf, ob ihr Leben dadurch hier und da ein bisschen leichter und stressfreier werden wird. Für das nächste Experiment hat Lucy übrigens schon eine Idee. „Wir könnten ja mal eine Woche versuchen, jeden Tag in den Pool zu gehen.“ 

Weniger Nörgeln dank praktischer Zeitsparer

Gerade bei der Hausarbeit oder beim Thema Essen kommt es häufig zu Nörgeleien. Wer die Dinge hingegen entspannter erledigen kann und auch noch Zeit spart, hat oft weniger zu meckern. Mit unserer Arbeit setzen wir von Vorwerk an dieser Stelle an – und bieten z.B. mit unserem Saugroboter Kobold VR200 oder dem Thermomix praktikable Zeitsparer für Ihren Alltag. 

10.03.2017

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