Vorwerk
Weniger ist genug

Minimalistisch leben als Familie

Familie Kähler lernt zu verzichten: Auf Reizüberflutung, Terminstress, Effektkäufe. Mit der Geburt ihres Sohnes ändert sich ihr Leben schlagartig. Der kleine Liam soll viel Zeit mit Mama und Papa verbringen können. Auf die Kita wird verzichtet und auch auf zu viele Spielzeuge. Vielmehr interessiert sich der Zweijährige für die alltäglichen Dinge, die sein Vater mit ihm verrichtet: Staubsaugen zum Beispiel.

Die Zimmer sind aufgeräumt wie in einer Musterwohnung: Alles hat seinen Platz und seine Ordnung. Nichts liegt herum. Auf den ersten Blick scheint hier kein Kind zu wohnen. Auffallend im Esszimmer: ein großer Holzesstisch, feine handwerkliche Arbeit, ein Unikat. Janina (32) und Peer (48) Kähler fühlen sich wohl in ihrem Reihenendhaus im Schleswig-Holsteinischen Scharbeutz an der Ostsee. „Wir suchen nichts, wir finden alles“, sagt Janina stolz. Die beiden haben ihren kompletten Hausrat reduziert und besitzen nur noch ausgewählte Dinge. Nicht aus finanzieller Not, sondern aus Überzeugung.

Früher sah das Leben der jungen Familie anders aus. Peer war jahrelang im Banksektor tätig, jettete von Termin A zu Termin B, häufig unter Zeitstress und Ergebnisdruck. Zuletzt als Vertriebsleiter eines Emissionshauses. Warum Peer so hart arbeiten musste, hing aber nicht nur mit dem Arbeitgeber zusammen. „Ich habe meine Ziele immer mit monetären Zielen verbunden“, erzählt er. „Der Konsumwunsch war groß.“ So war ihm ein schickes Auto besonders wichtig. Und im Haus sammelten sich auf einer Wohnfläche von 130 Quadratmetern allerlei Dinge, die ihn zunehmend belasteten. Regale, vollgestopft mit CDs. Schubladen mit lauter unnützem Kleinkram. Schränke, die mit Klamotten, Handtüchern und vielem mehr nur noch überladen waren.

Dann reagierte kurz vor seinem 40. Geburtstag sein Körper. Peer bekam plötzlich Herzrhythmusstörungen, musste ins Krankenhaus. Heute weiß er, dass er kurz vor einem Burn-out stand. Janina und er begannen ihr Leben neu zu denken und sich für Minimalismus zu interessieren, für Entschleunigung und einen einfacheren Lebensstil. „Für so viel Bedürfnis wollte ich einfach nicht mehr so hart arbeiten müssen“, sagt Peer. Luxusautos mag er zwar immer noch, ein VW Touran stimmt ihn heute aber auch zufrieden.

Minimalitisch leben kann Stress reduzieren

„Zu viel Besitz, zu viel Streben nach materiellen Dingen kann zu Stress führen“, sagt der Sozialwissenschaftler Bernd Vonhoff, der sich mit der Zufriedenheit der Menschen und ihren Lebensstilen beschäftigt und Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen ist. Oft erkennen Menschen für sich selbst: „so kann das nicht weiter gehen“, „ich kann nicht immer nur mehr und mehr wollen“ und verändern ihr Leben, erzählt er. Sie lokalisieren und definieren dann die Dinge, die ihnen „zu viel“ sind und lassen sie los.

„Dieses bewusste Loslassen kann Menschen helfen, sich wieder auf die wesentlichen Dinge im Leben zu konzentrieren, mit einer deutlich entspannenden Wirkung“, so Vonhoff. Daher sei Minimalismus eine Möglichkeit, einem bevorstehenden Burn-out zu entkommen. „Minimalismus ist Selbstbestimmung und diese ist einer der wichtigen Anti-Stressoren“, erklärt der Soziologe.
 

Lernen zu verzichten: Peer und Janina Kähler mit Sohn Liam.


Mit weniger leben für mehr Familienzeit

Als Janina schwanger wird, kündigt Peer seine Beschäftigung. „Unser nahes Umfeld hat das zunächst nicht verstanden“, sagt er. Doch bei ihm war die Angst vor Veränderung nicht so groß wie jene davor, dass der Job nicht zuließe, seinen Sohn zu sehen. „Zeit zu haben war mir in dem Moment viel wichtiger“, erzählt er. Die Vorstellung, rund um die Uhr zu arbeiten, nur um Statussymbole anzuhäufen, deprimierte ihn.

Das Besinnen auf die wesentlichen Dinge im Leben – das war auch ein großer Wunsch seiner Frau. Mehr gemeinsame Zeit zu verbringen ist das eine, Platz zu schaffen das andere. Noch vor der Geburt von Liam geht es an die Entrümpelung des kompletten Hauses. Janina und Peer sortieren doppelte Küchenutensilien und Deko-Gegenstände aus, hinterfragen, ob sie wirklich fünf Parfums, 50 Handtücher und 40 paar Schuhe brauchen. Misten viele CDs, Bücher und viel Kleinzeug aus. „Allein die Tätigkeit hat schon befreit“, erzählt Janina. Sie verschenken auch einzelne Möbelteile wie beispielsweise den Wohnzimmerschrank. „Auch das ist mir nicht schwer gefallen. Jedes entfernte Stück hat mich leichter gemacht“, sagt sie. Hier schließt sich die Ordnung und Sauberkeit an. „Jeder weiß, dass man sich gut fühlt, wenn man eine ordentliche Wohnung betritt“, sagt sie. Daher wird alles auch schön aufgeräumt und sauber gehalten.

Janina und Peer sortieren sogar in den Verabredungen aus: Am späten Nachmittag oder Abend, also nach der Arbeit von Janina, ist maximal noch ein Termin möglich. Und wenn es der Einkauf ist − „das reicht dann“. Auch werden die Wochenenden nicht mehr verplant: Auf einen verplanten Samstag folgt ein freies Wochenende.
  


Minimalismus wird für Familien attraktiv

Derzeit entdecken vielen Menschen den Minimalismus als Lebensstil für sich. Auch Paare und Familien. Sie empfinden die Anhäufung von zu viel Besitz zunehmend belastend und suchen ihr neues Glück fernab von Statussymbolen. Weniger Konsum, mehr Zeit und weniger arbeiten zu müssen lauten häufige Wünsche von Minimalisten. Sie wollen einfacher, leichter und flexibler leben. „Das immer mehr, immer besser, höher, schneller, weiter zeigt sich für viele Menschen als Auslaufmodell anzustrebender Lebensformen“, sagt Bernd Vonhoff. „Weil es auf Dauer nicht zufrieden macht.“

Peer kümmert sich derzeit als Hausmann um die meisten Lebensmitteleinkäufe, um Putzen, Waschen und Aufräumen. Während er den Morgen mit dem Kleinen allein verbringt, arbeitet Janina in einem Medizintechnik-Unternehmen. Einen Tag arbeitet sie von zuhause aus, die restlichen Tage beginnt sie früh, um am Nachmittag wieder bei Mann und Sohn zu sein. Der Zweijährige geht nicht in die Kita. „Wir wollen unseren Sohn nicht gleich wieder abgeben“, sagt Peer. Vielmehr nimmt Liam am ganz normalen Alltag seiner Eltern teil. Wenn Papa staubsaugt, möchte er das gerne auch machen. Und letztens interessierte er sich dafür, wie man Rührei kocht, erzählt der Vater stolz. „Wenn unser Sohn ein Bedürfnis hat, dann will er mit normalen Dingen spielen“, sagt er. Viele Spielzeuge braucht er nicht. „Kinder können sich sowieso nicht auf vieles gleichzeitig konzentrieren.“

„Haben Eltern sich für eine konsumreduzierte Lebensform entschieden, dann wünschen sie sich diese Lebensform auch für ihre Kinder“, berichtet Bernd Vonhoff. Die Kinder werden in ihre Lebensform direkt einbezogen. Das bedeutet, dass Konsum sich eher am Notwendigen als am Überfluss orientiert. Die Erziehungsgedanken dahinter, sagt er, sind Nachhaltigkeit und bewusster Konsum. „Man will seinem Kind den achtsamen Umgang mit den Ressourcen nahebringen.“

Kinder müssen den Minimalismus freiwillig annehmen

Das, was den Eltern gut tut, kann auch dem Kind nicht schaden. Bezogen auf den Minimalismus will Janina ihrem Liam auch keine Reizüberflutung zumuten. „Hier zum Babykurs, dort ein Nachmittagsklatsch mit Eltern und Kindern“ – das ganze könne auch etwas reduzierter ablaufen, da Liam sowieso schon sehr agil sei und seine Eltern ständig auf Trab hält. „Kinder brauchen in dem Alter auch nicht viele andere Kinder um sich herum“, meint Peer. „Wenn man die beobachtet, sie spielen ja häufig für sich selbst.“

„Minimalismus funktioniert nur, wenn der Verzicht freiwillig geschieht, wenn er selbst- und nicht fremdbestimmt wird“, erklärt Bernd Vonhoff. Daher sollte man beobachten, wie Kinder auf den Lebensstil der Eltern reagieren, wenn sie im Kindergarten oder in der Schule die Alternativen durch andere Kinder und Haushalte mitbekommen. „Dadurch kann der eigene Verzicht besonders verdeutlicht werden. Im Erwachsenenalter können diese Kinder versuchen, den empfundenen Mangel zu überkompensieren, indem der eigene Konsum später verstärkt ausgelebt wird“, sagt er. 

Weniger Geschenke sind mehr

Weihnachten und Geburtstage sind so ein Thema. Da will die Verwandtschaft natürlich reichlich schenken. „Die Küche für Kleinkinder war letztes Mal ein Gemeinschaftsgeschenk“, erzählt Peer, natürlich ohne Plastik. Solche Dinge werden vorher abgesprochen. Kritischer Konsum bis hin zum Konsumverzicht heißt die Devise der Eltern, obgleich ihre Verwandten noch ganz anders leben und die neue Haltung öfters auf Unverständnis stößt.

Dem Shopping gänzlich abgeneigt sind sie schließlich doch nicht. „Konsumreize gibt es nach wie vor“, berichtet Peer. „Aber dann lassen wir den Wunsch fünf Wochen auf einer Liste stehen, anstatt ihn wie früher per Mausklick direkt zu bestellen. Ist der Wunsch danach immer noch so groß, kaufen wir das Produkt.“

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03.03.2017

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