Vorwerk
Loslassen fällt schwer

So bekämpfen wir Schuldgefühle beim Entrümpeln

Der Kleiderschrank ist zum Bersten voll. In den Regalen türmen sich Bücher. Großmutters uraltes Kaffeeservice passt eigentlich nicht zum Stil der Wohnung. Aber wir behalten viele Dinge dennoch, obwohl wir sie gar nicht mehr benötigen. Wir haben Anja Mumm, systemisch-orientierter Coach und Mentorin aus München, gefragt, warum uns das Ausmisten so schwer fällt.

Frau Mumm, warum behalten Menschen Gegenstände statt die Wohnung mal zu entrümpeln?

Das Behalten hat einen Erinnerungswert. Man hält an etwas aus der Kindheit oder aus schwereren Zeiten fest. Ich glaube, wir haben eine Mischung aus Dingen, die uns an etwas Bestimmtes erinnern: an Menschen oder an Situationen. Auch Status spielt eine Rolle: Wir verbinden unsere Identität manchmal mit bestimmten Dingen, wie zum Beispiel einem tollen Haus, einem teuren Auto oder schicker Kleidung.

Und dann fällt es irgendwann schwer, uns von den Dingen oder dem Status zu trennen?

Die größte Rolle spielt der Besitztumseffekt. Das heißt: Wir bewerten das, was uns gehört höher als etwas, was uns nicht gehört. Ich besitze zum Beispiel etwas mit einem Wert von 100 Euro. Frage ich jemanden, was dieser Gegenstand wohl wert ist, sagt er vielleicht „50 Euro“. Dann denke ich: „Nein. Für 50 Euro bekommst du das nicht, weil es 100 Euro wert ist.“ Rein objektiv betrachtet liegt die Wahrheit vielleicht dazwischen. Jedenfalls ist es so, dass viele Dinge einem so wertvoll sind, dass man sagt: „Ich kann mich nicht davon trennen, weil der Gegenwert nicht in Geld zu berechnen ist.“

Ist Entrümpelung demnach ein altes Thema?

Ich glaube, seit es Menschen gibt, die irgendeine Form von eigenem Besitz haben, ist das ein Thema. Und solange wird es dieses Thema auch geben. Die Besitztümer ändern sich, aber nicht die Tatsache, dass man an Dingen hängt.

Wen betrifft die emotionale Abhängigkeit von Dingen?

Jeden. Es gibt natürlich wie immer Ausnahmen im Leben. Manche Menschen tun sich schwerer, Bindungen zu Personen und Dingen einzugehen. Die haben es hier natürlich einfacher. Sie trennen sich folglich leichter von Dingen, die ihren Zweck erfüllt haben, aber nicht mehr den Anforderungen der Zeit entsprechen.

Spielen auch familiäre Bindungen eine Rolle?

Gelernte Dinge aus Familien spielen eine Rolle: Wie wichtig war es, in unseren Familien etwas aufzuheben? Darf ich überhaupt das Teeservice meiner verstorbenen Großmutter weggeben? Rein theoretisch gibt es keine Person, die mir das verbieten kann. Aber widerspricht das der Familientradition? Trennungen können immer schmerzlich oder befreiend sein.

Kennen Sie die Sendung „Bares für Rares“? Die Begründungen sind manchmal aberwitzig, warum die Leute etwas versteigern. Einige sagen: „Ich möchte das Geld für ein gutes Essen ausgeben“. Sie trennen sich dafür sogar von wertvollen Gegenständen, die ihre Eltern ihnen geschenkt haben.

Ich glaube, dass jeder Mensch seine Strategien entwickelt, wenn er sich wirklich von etwas trennen will und nicht zum Messie werden möchte. Denn das ist das Problem derjenigen, die man auch teilweise im Fernsehen sieht. Diese Menschen ersticken in ihren Sachen, weil sie sich von gar nichts mehr trennen und nicht loslassen können. Als Beispiel nenne ich die Bücherkisten, die man eigentlich ausmisten müsste. Aber mancher denkt sich: „Hm. Da ist vielleicht noch etwas drin, was ich gebrauchen kann.“ Also trenne ich mich nicht davon.
  


Ist Sammeln als Hobby dann eine Ausnahme?

Sammeln als Hobby ist glaube ich eines der ältesten Hobbys überhaupt. Und hat wohl eher etwas mit Jagdinstinkt zu tun - und oft auch mit echtem Interesse an den gesammelten Gegenständen. Trotzdem ist es auch hier am Ende eine Frage der Balance.

Was ist nicht gut am dauerhaften Ansammeln von Dingen?

Prinzipiell ist das wie alles im Leben. Das wenigste ist per se gut oder schlecht. Es ist eine Frage der Intention und der Dosis. Wenn Ansammeln zu Horten wird, erstickt man irgendwann in den Dingen. 

Welche Dinge sollte man aus Ihrer Sicht nie wegwerfen?

Das ist doch eher individuell unterschiedlich. Persönlich würde ich z. B. einen von meiner Mutter geerbten Ring nicht wegwerfen oder meine Fotoalben. Auch wenn ich mich durchaus auch ohne die Dinge an meine Mutter und an schöne Momente meines Lebens erinnern kann. Aber ob das in 20 Jahren auch noch so ist – wer weiß. 

Können Schuldgefühle entstehen, wenn man sich von alten Sachen trennt?

Das kann sein. Wenn ich das Gefühl habe, dass in meiner Familie seit Generationen nie etwas weggegeben worden ist, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man Schuldgefühle hat. Im vergangenen Jahr ist zum Beispiel meine Mutter gestorben. Sie vererbte mir eine alte Kommode, die schon meiner Urgroßmutter gehört hat. Ich habe keinen Platz für sie. Aber es wäre ein Unding, sie wegzugeben. Das würde mir wirklich Schmerzen bereiten und ich hätte ein schlechtes Gewissen. Ich weiß aber nicht, wem gegenüber. Ich habe nicht einmal Kinder. Am ehesten würde ich sie meinen Brüdern geben oder deren Kindern und ihnen sagen: „Das ist von eurer Urgroßmutter.“ Doch selbst dabei hätte ich ein schlechtes Gewissen. Denn die Kommode wurde immer den Mädchen vererbt.

Wie löst man sich denn am besten?

Es ist eine gute Strategie, sich der Dinge zu entledigen, an denen man am wenigsten hängt. Denn das tut am wenigsten weh. Ich habe mal einer Klientin empfohlen: „Gehen Sie durch Ihre Wohnung. Und schmeißen Sie jeden Tag ein Teil weg.“

Übrigens gilt das auch für die Festplatte. Jeden Tag fliegt ein Teil raus. Wenn man das konsequent macht, ist das zwar nicht von heute auf morgen sichtbar. Aber machen Sie das mal zwei Jahre. Dann merken Sie den Unterschied. Die Dinge lichten sich plötzlich und man kriegt einen gewissen Gewohnheitseffekt darin, sich von Sachen zu trennen. Dann ist man im Laufe der Zeit bereit, auch mal größere Projekte in Angriff zu nehmen.

Und haben Sie auch noch ein paar Tipps zur Verwertung von aussortierten Dingen für uns?

Veranstalten Sie einen Garagenflohmarkt und verkaufen Sie die Sachen. Spenden Sie die Dinge an ein Sozialkaufhaus. Machen Sie eine Liste mit Fotos von den Sachen, packen Sie diese in unterschiedliche Kisten und versteigern Sie diese auf dem Weihnachtsbasar oder bei eBay als Überraschungspaket. Oder verschenken Sie ein paar ausgewählte Stücke an Menschen, von denen Sie wirklich wissen, dass diese sich darüber freuen.
 


Zur Person: Anja Mumm arbeitet als systemisch-orientierter Coach und Mentorin in München. Kürzlich hat sie ihren Ratgeber „Loslassen. Raus aus der Perfektionsfalle“ im Haufe-Verlag veröffentlicht.

27.01.2017

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