Vorwerk
Mobilität

Alles in Bewegung: Was vom Zuhause übrigbleibt

Pendeln, umziehen und ständig unterwegs sein: Unser Leben verändert sich heute schneller als das unserer Eltern. Die Mobilität erfasst immer mehr Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft und beeinflusst auch unser Verständnis vom Wohnen. Wie passt der Wunsch vom wohligen Gefühl zu Hause zu sein in unseren vom Unterwegssein geprägten Alltag?

Mobil sein und Wohnen, das ist auf den ersten Blick ein unvereinbares Begriffspaar, das allenfalls zu Campingbus und Caravan passt. Seit der Mensch sesshaft geworden ist, scheint er wieder in die entgegengesetzte Richtung zu arbeiten. Wer sich umschaut, sieht neben einer schnell rotierenden Welt auch eine Welt aus Daten, Personen und Waren, die immer schneller um den Globus kreisen.

Selbst im rasenden Stillstand feuern wir den Sog der Mobilität an, wenn wir gemütlich vom Sofa aus in unserem Verlangen nach 24/7-Verfügbarkeit online eine Expressbestellung tätigen. Trotz der Stressanzeichen, die durch den Kontrollverlust über Zeit mit Verspätungen resultieren, liegen die Vorteile der Mobilität klar auf der Hand. Wir können unsere individuellen Wünsche schneller verwirklichen. Denn: Ein uniformer Nine-to-Five-Lebensstil gleicht nicht mehr unserem Ideal. Private Fernreisen sind keine Seltenheit mehr und auch für unsere Arbeit werden wir immer flexibler.

Freizeit- und berufsbedingte Mobilität nehmen stetig zu

Mit verbesserter Infrastruktur wächst auch für Pendler die zumutbare Entfernung zum Arbeitsplatz. Einen Hinweis, in welchen Dimensionen sich dieser dehnbare Begriff bewegt, findet man in Paragraph 140 im dritten Sozialgesetzbuch. Hier wird geregelt, welche Pendelzeit in der Regel als zumutbar gilt, wenn ein Arbeitsloser ein passendes Jobangebot mit mehr als sechs Stunden täglicher Arbeitszeit vermittelt bekommt. Erst mehr als zweieinhalb Stunden am Tag gelten als unverhältnismäßig. „Zur Definition des Pendelns gibt es ansonsten wenige Konventionen“, sagt Heiko Rüger, Wissenschaftler am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Was sich aber etabliert hat, ist die Definition vom so genannten Fernpendeln. „Der einfache Weg zur Arbeit dauert hier 60 Minuten oder länger bzw. 50 Kilometer und mehr“, so Rüger. Keine Seltenheit in der mobilen Welt.

Von 2010 bis 2014 konnte laut statistischem Bundesamt in Deutschland hinsichtlich der Mobilität ein konstanter Anstieg der Anzahl der beförderten Personen pro Jahr – Linienverkehr, Bahn, Flug und Individualverkehr zusammengenommen – verzeichnet werden.
 


Auch 2015 ist es wieder zu einem Fahrgastrekord bei Bussen und Bahnen gekommen. Gleichzeitig weiß Rüger als Leiter der Forschungsgruppe zu berufsbedingter räumlicher Mobilität, dass der Anteil der Deutschen, die 30 Minuten oder länger für die einfache Wegstrecke zur Arbeit brauchen, von Anfang der 1990er Jahre mit 20,4 Prozent der Erwerbstätigen auf mittlerweile 25,9 Prozent angestiegen ist. „Ein Wachstum zeigt sich sowohl für Männer als auch für Frauen gleichermaßen. Für Frauen allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau“, sagt er. Statistisch gesehen seien Frauen heute so mobil wie die Männer Anfang der 90er Jahre.

An mehreren Orten zu Hause sein

Nicht so allgegenwärtig wie das Pendeln, aber dennoch bezeichnend für die mobile Gesellschaft ist die sogenannte „residenzielle Multilokalität“ – das heißt: Immer mehr Menschen sind an verschiedenen Orten „zu Hause“. Eine Studie des statistischen Bundesamts hat in der Vergangenheit bereits einen Aufwärtstrend bei den Zweitwohnungen feststellen können. Von 2003 bis 2013 stieg in Deutschland die Zahl der Zweitwohnungen von 800.000 auf fast 1,2 Millionen. Wenn man sich nun weitere Beispiele für multilokales, flexibles Wohnen herausgreift und auch berufsbedingte Übernachtungen außerhalb des Lebensmittelpunktes anschaut, sei es in Zweitwohnungen, in Hotels oder Firmenwohnungen, dann „zeigen die Zahlen alle ein eindeutiges Ergebnis“, so Rüger.

Auswirkungen auf das Wohnen

Mobilität hat sich auch in unsere Wohnformen eingeschlichen. Zu diesem Schluss kommt Christiane Varga, Referentin am Zukunftsinstitut in Wien, die auf die konkreten Auswirkungen des auf Mobilität ausgerichteten Lebensstils auf Wohnungen und deren Grundrisse hinweist: „Die Grundrisse verändern sich insofern, als dass die Nutzung nicht mehr vorgegeben ist. Wenn man das mit den Wohnungen in den 60er bis 70er Jahren vergleicht, wo die Küche abgegrenzt war und es vielleicht sogar noch ein extra Esszimmer gab, öffnen sich diese Räume heutzutage immer mehr und es entstehen multifunktionale Zonen.“ Wohnungen und Häuser werden über die Jahre von sehr unterschiedlichen Personengruppen bewohnt, verändert und an die individuellen Bedürfnisse angepasst. Die Vielfalt der Wohnformen ist dabei unübersehbar: Zum klassischen Familienhaushalt gesellen sich Patchwork- und Wochenend-Familien, Wohngemeinschaften und Single-Haushalte.

Einladung zur Küchenparty

Unsere fluide Art zu leben, spiegelt sich in den Grundrissen der Wohnungen wider. An der Wohnküche erkennt man die elementaren Veränderungen sofort: Früher war die Küche ein Ort harter Arbeit und eine im klassischen Rollenbild versiegelte Domäne der Frau. Dann erleichterten Fertiggerichte und Mikrowelle den Alltag der Hausfrauen und verschafften ihnen mehr Zeit. Im Zuge der gesellschaftlichen Emanzipation vom Hausfrauendasein wurde die Küche erst mal geschlossen.

Seit einigen Jahren erlebt die Küche eine Renaissance. Bei der jüngeren Generation ist sie längst zum Mittelpunkt der Wohnung avanciert. Das Gesundheitsbewusstsein ist gewachsen und man konzentriert sich auf ursprüngliche Lebensmittel oder klassische Gerichte. Es gibt wieder Kohlrouladen und Sonntagsbraten. Kochen ist zum Lifestyle geworden.Männer haben die Küche erobert. Fancy Wohnküchen mit teuren Accessoires sind die Bühne, auf der sich Freunde zum Showkochen treffen. Und es geht nicht nur ums Kochen. Die Küche ist somit ein Beispiel für die erweiterte Raumnutzung, die auch für andere Zonen moderner Wohnungen charakteristisch ist. Statt geschlossener Nutzräume mit speziellen Funktionen gibt es offene Erlebnisbereiche für Vergnügen und Kommunikation.

Zu Hause bilden Kochen und auch andere Handarbeiten wie Stricken oder Nähen, den Gegenpol zur abstrakten Denk- und Wissensarbeit am Computer. Hier wird die Sehnsucht, wieder simple Dinge zu machen, befriedigt. Das heißt: in überschaubarer Zeit sichtbare und abgeschlossene Ergebnisse erreichen. Wir wollen unsere Individualität zu Hause ausleben.

Retro-Chic und Neo-Biedermeier

Bewusst ausgewählte Einrichtungsgegenstände sind die Visitenkarte der Wohnung. Derzeit beruft man sich auf die Coolness des Retro-Chics und gemütliche Möbel im Neo-Biedermeier-Stil. Dabei verlassen wir uns auf die Ausstrahlung alter Möbel. „Sie liefern ein identitätsstiftendes Moment“, erklärt Christiane Varga vom Zukunftsinstitut. „Storytelling spielt eine große Rolle.

Wenn uns jemand besucht, können wir erzählen, 'die Lampe ist von meiner Oma, die hat sie da und da gekauft'.“ Das habe etwas damit zu tun, dass sich Menschen verankern und in der globalisierten Welt der eigenen Identität noch einmal vergewissern wollen, so die Expertin.

Weniger Möbel sind mehr

Mit weniger Möbeln zu leben und sich hierbei auf schöne Einzelstücke zu konzentrieren, ist ebenfalls ein identitätsstiftendes Statement, bedient aber gleichzeitig auch den Wunsch nach Ordnung, Übersichtlichkeit und Mobilität. Minimalismus, platzsparende Möbel und die Wiederentdeckung des offenen Raums sind als Reaktion auf die komplexe Lebenswelt und die Überflutung mit visuellen Reizen zu verstehen, denen wir täglich ausgesetzt sind.
 


Privat heißt auch zusammen

Der Vergleich mit der Biedermeier-Epoche, als sich im 19. Jahrhundert das deutsche Bürgertum als Reaktion auf Staatsrepressionen und unruhige Zeiten in die scheinbare Sicherheit des Heimes flüchtete, wird in diesem Zusammenhang gerne herbeigezogen. Die Parallelen sind erkennbar. Unruhig ist die heutige globalisierte Gesellschaft allemal. Christiane Varga sieht im Rückzug ins Private eine notwendige Reaktion, um die Batterien wieder aufzuladen. „Es zeigt sich auch der Trend, dass sich Leute wieder mehr gesellschaftlich engagieren. Als aktive Begegnung auf Unsicherheiten oder Probleme“, sagt sie. Das Engagement sei auch wieder eine Form der Verankerung, aber nicht um die reguläre Arbeitswelt komplett auszublenden, sondern um sich zu regenerieren.

Es existiert also immer beides: Der Rückzug ins Private und die soziale Interaktion. Mehr denn je wird das Grundbedürfnis der Menschheit zur sozialen Kooperation durch die digitale Konnektivität beschleunigt. Bezogen auf unseren von Mobilität geprägten Wohnstil sind die inneren Übergänge fließender geworden – offene Grundrisse, mobile Möbel, Erlebniszonen des Privaten. Aber auch der äußere Übergang, die Grenze zwischen zu Hause und „draußen“, verläuft nicht mehr scharf. Sei es auf der Arbeitsebene mit Home-Office und Co-Working-Büros oder auf Quartiers- und Nachbarschaftsebene. In den urbanen Zentren, wo Wohnraum knapp und teuer ist, wird das besonders sichtbar. Hier sprießen hippe Trends und gedeihen Gemeinschaftsprojekte wie Urban Gardening oder Co-Housing.
 


Der öffentliche Raum wird im Zeitalter der Mobilität häufiger genutzt und viel stärker okkupiert als noch vor ein paar Jahren. Es ist selbstverständlich geworden, dass man auch mal im Park arbeitet und sich in Städten so etwas wie Quartiersbildung ergibt. Das Wohnen ist nicht mehr auf die eigenen vier Wände beschränkt, sondern weitet sich viel stärker aus, gerade in den Städten. Und das ist, wie wir wissen, kein Widerspruch zum vorher Gesagten. Wenn wir unsere Batterien aufladen wollen, holen wir das Einmachglas raus, kochen selber Marmelade ein und wecken Erinnerungen.

Bis zu wie viel Kilometer würden Sie für Ihren Traumjob pendeln?

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