Vorwerk
Urban Gardening

Der Kopfsalat hinterm Kreisverkehr

Es gab eine Zeit, da wurden Kisten von Städtern hauptsächlich für Umzüge genutzt. Heute gedeihen in ausrangierten Plastikboxen Salbei, Mangold und Zucchini – irgendwo zwischen Hochhäusern, Schnellstraßen und Bürogebäuden. Der Trend zum Gärtnern in der Stadt wächst ungebremst. Was ist da draußen los? Und worum geht es den Gemeinschaftsgärtnern eigentlich?

Dr. Daniel Gottlob Schreber war ein Arzt aus Leipzig, der vor rund 200 Jahren für die Kinder der Arbeiter in den Städten Spiel- und Turnplätze im Grünen forderte. Auf den so genannten „Schreberplätzen“ stand auch Obst- und Gemüseanbau auf dem Programm. Die Kinder verloren aber schnell die Lust am Harken und Unkraut jäten, sodass die Eltern die Pflege der Beete übernahmen. Sie zäunten sie ein und der Schrebergarten war geboren. Das Gärtnern in der Stadt hat also eine lange Tradition. Urban Gardening – ist das nur ein hipper Begriff für eine alte Nummer?

Hamburg. Ein paar hundert Meter neben der „Großen Freiheit“, der Partymeile in der Stadt, steht Kasia mit einem Gartenschlauch. Ungeschminkt, Kurzhaarschnitt – die junge Frau wirkt natürlich und entspannt. „Kannst du mir das Wasser nochmal aufdrehen“, ruft sie quer über einige Dutzend gelbe Plastikkisten voller Grün hinweg zu einer Frau im blauen Overall. Die beiden kennen sich durch das gemeinsame Gärtnern hier im „Gartendeck“. Auf rund 1100 Quadratmetern Fläche wachsen hier im jungen Urban Gardening-Areal die Nutzpflanzen in Bäckerkisten. 172 verschiedene Pflanzensorten, fünf Bienenvölker, vier Komposthaufen und eine Wurmkiste werden von den selbst ernannten Stadtgärtnern gepflegt. 
 


Jeder wühlt da in der Erde, wo gerade Bedarf ist. „Es gibt aber schon eine gewisse Aufteilung, dass sich bestimmte Leute um bestimmte Pflanzen kümmern. Das hat sich irgendwie als praktischer erwiesen“, erklärt Kasia. Sie ist Teil einer losen Gruppe von etwa 50 Leuten. „Und dann gibt es Leute aus dem Stadtteil von bunt bis dark, die einfach mal so vorbeikommen. Es sind die unterschiedlichsten jungen Leute, die so ein bisschen sinnsuchend in der Welt umherstampfen“, meint Kasia. Auf die Frage, ob sie auch dazu zählt antwortet sie lachend: „Nein, natürlich nicht.“ 

„Geheime“ Pflanzaktionen

Auf der Suche nach Gemeinschaft und dem Ursprünglichen treibt es derzeit eine immer größer werdende Zahl von Städtern in die grünen Oasen, die sich überall auf Brachflächen, Hinterhöfen oder Dächern der Städte gebildet haben. Wie viele Strömungen begann der Trend in New York und schwappte über Berlin nach Deutschland. Dort, wo mit dem „Prinzessinnengarten“ der Vorreiter im deutschen Urban Gardening geschaffen wurde, kann man die grünen Initiativen kaum mehr zählen.

„Manche Menschen möchten es aber auch einfach nur vor der Tür schön haben“, erzählt Andrea Bangel. Die Berlinerin bloggt zum Thema Urban Gardening und bewundert beim Gang durch die Straßen der Hauptstadt immer wieder die blühenden Ergebnisse diverser Mini-Aktionen. „Das sind Menschen, die nehmen sich einen Baum in ihrer Gegend vor, pflanzen drum herum was Buntes, entfernen Hundekot oder kümmern sich um ein paar Pflanzen auf einem Kreisverkehr.“ Kontakt zu diesen Aktionsgärtnern zu finden sei aber schwer, meint sie. Fast scheint es so, als wäre das Unsichtbarsein ein Teil des Spaßes.

Duisburg: Unterstützung von Seiten der Stadt

In der Stadt Duisburg läuft es ein bisschen offizieller. Wer sich hier der Verschönerung einer Baumscheibe widmen möchte, kann offiziell eine Baumpatenschaft beantragen. Mehrere hundert Bäume wurden schon an Hobbygärtner vermittelt.

Bei der Stadt gibt es offizielle Ansprechpartner für die Gartenwilligen: Mareike Süselbeck ist gelernte Landschaftsarchitektin und versucht, den neuen Gartenfreunden in der Stadt unter die Arme zu greifen. „Wir schauen uns die Flächen gemeinsam mit den Bürgern an, versuchen herauszufinden, wer der Inhaber ist und stehen mit Know-how zur Seite.“ Selbst die alten Blumenkübel vom umgebauten Duisburger Hauptbahnhof lagert Frau Süselbeck ein. Die könnte ja nochmal eine Initiative gebrauchen. Zum Beispiel unweit des Duisburger Hauptbahnhofs im Goerdeler Park. Hier trifft sich seit dem letzten Jahr eine kleine Gruppe in „Rosas Garten“. Ein paar junge Familien aus dem Stadtteil suchten Rat bei der Stadt. Darunter Mareike Müller, Lehrerin aus Duisburg. Mit Nachbarn und Freunden wollte sie „ihren“ Park verschönern, in dem ihre Kinder regelmäßig spielen. „Da wuchsen nur Brennnesseln und Brombeeren“, erzählt sie. Die Stadt gab Starthilfe. „Die haben uns sogar die Fläche gerodet.“ Die Brennnesseln sind gewichen, stattdessen locken Hortensien, Astern und eine Wildwiese jetzt die Besucher an. „Da kommen dann Rentner vorbei, die sich zwar nicht mehr so gut bücken können, aber mehr übers Gärtnern wissen, als in jedem Buch steht“, berichtet Mareike Müller begeistert. Manche von ihnen kommen sogar immer wieder.

Gärtnern auf dem Balkon auf dem Vormarsch

Aber auch Einzeltäter greifen zur Schippe. Urban Gardening, das ist ein bunter Strauß an Konzepten – auch die Tomatenpflanze auf dem Balkon zählt dazu. Sogar Anleitungen zum Gärtnern in Kisten in der Wohnung finden sich im Netz. Stadtimker halten Bienen und machen eigenen Honig. Manch einer findet schon Befriedigung darin, dass der Basilikum aus dem Supermarkt sich länger hält als gedacht. Was Gärtner in den offenen und den heimischen Gärten eint ist der Wunsch, sich die Finger dreckig zu machen, Kontakt zum ursprünglichen Gewächs zu bekommen.

Durst nach dem echten Leben

Woher kommt dieser Reiz und warum stecken so viele Menschen plötzlich wieder Zeit, Energie und Liebe in das Großwerden kleiner Samen? Für Heinz Grüne, Gesellschaftspsychologe aus Köln ist klar: „Viele Menschen fühlen sich entfremdet. In der digitalen Welt fehlt uns Sinnlichkeit und der Bezug zu natürlichen Dingen.“ Die Antwort auf diese Sehnsüchte sei aber nicht nur beim Wühlen in der Erde zu finden. Auch Burgerketten mit bodenständigen Namen, Pommes-Frites aus der „wahren, echten“ Kartoffel und der Trend zum Craft-Beer, das natürlicher daher kommt, stillen den Durst nach Authentizität. „Dabei will der Mensch aber nicht auf Konsum verzichten und ist auch bereit, sich in dieser digitalen Welt zu bewegen“, ergänzt Grüne. Aber um sich in der künstlichen Welt wohlzufühlen, braucht es einen Anker zum echten Leben. Auch wenn dies nur ein paar Primeln in einem vernachlässigten Kreisverkehr sind. 

Kasia in Hamburg hat den Schlauch inzwischen ausgemacht. Entspannt sitzt sie in einer Laube unter Stangenbohnen. Ob sie bestätigen kann, was der Psychologe über sie und ihre Mitgärtner sagt? „Ich nehme das schon so wahr, dass es viele Leute gibt, die überfordert sind vom Alltag oder negativ berührt, von dem, was auf der Welt politisch so passiert.“ Der Garten sei dann schon ein Rückzugsort, auch wenn Kasia das fast ein bisschen zu romantisch findet.
Denn für sie ist es mehr als das: „Es ist tatsächlich ein Kampf um offene Flächen und um Raum in der Stadt“, gibt Kasia zu bedenken. Urban Gardening, das ist auch Politik. Es ist ein kleines Aufbäumen gegen Saatgutriesen und Gentechnik und gegen den Bebauungswahn der Stadtplaner. Hier im Hamburger Gartendeck wird beim gemeinsamen Kochen der frisch geernteten Zucchini, Bohnen und Kräuter über die nächsten Schritte bei den Verhandlungen mit der Stadt diskutiert. Gleichzeitig können Kasia und ihre Mitstreiter sicher sein, dass ihr Essen auch beste Qualität hat.

Die Verunsicherung über Lebensmittelskandale führt zu einer Hinwendung zur Selbstversorgung. Ob die Ernte der Stadtgärtner aber in Zukunft einen Teil der Lebensmittelversorgung in Städten übernehmen wird, ist fraglich. 

„Vielleicht idealisieren diese Stadtgärtner auch etwas. Eine Stadt wird die Produktion aller Lebensmittel nicht bewältigen können“, ist sich die Berliner Bloggerin Andrea Bangel sicher. Martin Rasper hat als Autor und selbst praktizierender Urban Gardener ein Buch über den Trend geschrieben. Auch er glaubt, dass für die Selbstversorgung allein der Platz in den Städten nicht ausreicht. „Aber es geht um Bewusstseinsveränderung, ums Ausprobieren und Erfinden neuer Formen und Konzepte, auch um die Wiederentdeckung bewährter Methoden.“ 

Auch die Agrarindustrie testet Anbau in der Stadt

Ganz neue statt bewährte Methoden nutzt aber die Agrarindustrie inzwischen schon in den Städten. In Berlin wachsen bereits Salat und Kräuter direkt im Supermarkt. In einem Mini-Gewächshaus gedeiht das Gemüse auf einer dünnen aber nährstoffreichen Wasserschicht. Die Transportwege vom Acker zum Supermarkt fallen weg und beim Anbau sind keine Pestizide notwendig, preist Infarm sein Konzept.

Während in dem Supermarkt nur fünf Quadratmeter für den Anbau zur Verfügung stehen, wird in vielen Städten schon Obst- und Gemüseanbau in mehrgeschossigen Gebäuden mit künstlichem Licht getestet. Vertical Farming nennt sich dieses landwirtschaftliche Konzept, bei dem die Produktion in Hochhäusern stattfindet, um direkt in der Stadt Nahrungsmittel anzubauen. 

Die können übrigens auch tierischen Ursprungs sein: Mitten in Kreuzberg züchtet ein Start-up-Unternehmen Fische in großen Tanks und nutzt die Ausscheidungen der Fische gleich wieder zum Düngen von Gemüse, das ein Stockwerk tiefer auf künstlichem Boden wächst. Der Gedanke dahinter: langfristig könnte der Eiweißbedarf der Weltbevölkerung nur über neue Konzepte wie diese gedeckt werden. Zudem können die Berliner mit dem Fahrrad direkt zur Zuchtstelle fahren und den frischen Fisch kaufen. 
Die Industrie hat den Trend des Urban Gardening begriffen und entwickelt neue Geschäftsmodelle, die auf die Bedürfnisse der Stadtbewohner eingehen. Auch das ist Urban Gardening. Nur, dass es hier nicht ums Wühlen in der Erde als Hobby, um Gemeinschaft und Erholung vom Alltag geht, sondern um echte Wirtschaft.
Wenn aber weiter so viele Menschen auf der Welt in den Städten Wurzeln schlagen, werden solche Konzepte zwangsläufig die Erweiterung dessen sein, was die Städter hier im Kleinen derzeit ausprobieren. Urban Gardening blüht also vielleicht gerade erst richtig auf.

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