Vorwerk
DaWanda im Interview

„Eigenkreationen entspannen und erfüllen.“

Claudia Helming ist Gründerin und Chefin von DaWanda, dem Online-Marktplatz für Selbstgebasteltes. Mit uns spricht sie über das Glück des Selbermachens, warum Do-it-yourself die Welt verbessert – und über Frauen, die mit Kreationen Karriere machen.

Frau Helming, wann wurde DIY zum Megatrend?Die Bewegung begann gar nicht mit Handarbeiten, sondern mit Kochen. Vor zehn bis fünfzehn Jahren interessierte man sich auf einmal für gute Lebensmittel und die perfekten Küchengeräte. Es gab Fernsehshows, Hobbyköche professionalisierten sich. Später wurden Baumärkte immer populärer: Für Männer war es auf einmal cool, das Haus und den Garten selbst auf Vordermann zu bringen. Zum globalen Trend wurde Handarbeiten erst in den USA, später in England. Langsam schwappte dann auch zu uns herüber, dass es cool ist, sich abends mit anderen zum Nähen zu verabreden. Als wir 2006 starteten, war DIY aber noch kein Trend. Ich würde sagen, so richtig hip ist es seit etwa drei Jahren.

Sich zum Töpfern treffen, in der U-Bahn stricken: Was sagt dieses neue Interesse über uns aus?Das ist der Zeitgeist. Gerade geht alles sehr schnell, die Menschen schauen in ihre Smartphones, sind immer online. Sie empfinden es als zunehmend schwierig, zur Ruhe zu kommen. Da ist dieses Selbst-etwas-erschaffen eine wunderbare Möglichkeit. Es hat ja eine meditative Wirkung, wenn man ganz in etwas versinkt. Ob das Häkeln, Zeichnen oder Basteln ist. Da gibt es diese neue Lust, kreativ zu sein und einen Prozess mitzuerleben. Diese Form der Entspannung brauchen wir vermutlich.

Verbessert DIY die Welt?Auf jeden Fall. Bei Selbstgestaltetem geht es schließlich um Individualität, um Persönlichkeit und Gefühle. Die Sachen sind authentisch, herzlich, sie tragen viel Wärme in sich. Diese Art des Konsums finden wir viel besser, als wenn es wenige große internationale Player gibt, die unter eher widrigen Bedingungen produzieren lassen. Wir finden unsere Idee um einiges gerechter und auch schöner.

Was war Ihre Mission, als Sie DaWanda gründeten?Wir wollten kreativen Menschen helfen, aus ihrer Leidenschaft einen Beruf zu machen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir glauben an Eigen- und Selbstständigkeit. Heute leben rund 20 Prozent der DaWanda-Verkäufer von ihren eigenen Produkten.
 

Fotos: Ailine Liefeld

Warum hängen (Karriere-)Frauen ihren Job an den Nagel, um stattdessen Selbsterstelltes zu verkaufen?
Viele Frauen – auch in sehr guten Positionen – stellen sich irgendwann die Frage nach dem Sinn. Was bewirkt mein Job? Kann ich mich in ihm verwirklichen? Beispielsweise Gabriele Prellwitz. Sie war früher Programmiererin im Bereich Maschinenbau. Bis sie sich eines Tages eine Handstrickmaschine bestellt – aus Interesse an der Mechanik, wie sie uns erzählt hat. Sie entwirft erste Handwärmer, inspiriert von ihrem Großvater, der Gaslaternenanzünder war und bei der Arbeit Handschuhe ohne Finger trug. Wenig später gründet sie ihr eigenes Label: ANYONION. Oder auch „Fräulein Otten“. Als Modedesignerin hat sie jahrelang bei Hugo Boss und Talbot Runhof gearbeitet. Um Kind und Job zu vereinbaren, hat sie dann begonnen, freischaffend zu arbeiten, und bietet heute auf DaWanda einen Shop mit Kissenunikaten, Stoffen und Nähzutaten an.

Bekommen Sie von Ihren Verkäufern Feedback?
Oh ja! Da gab es mal eine Nutzerin, die mir schrieb, dass sie in der Küche ihrer Mutter angefangen hatte und sich nicht mal ein Brot kaufen konnte, weil das Geld vorne und hinten nicht reichte. Heute hat sie eine eigene Firma, die immer noch im Hof der Mutter angesiedelt ist – aber mit 15 Angestellten. Eine andere schrieb, dass sie Hartz-IV-Empfängerin war und durch ihre Verkäufe bei uns da herausgefunden hat und heute von ihren selbst genähten Taschen leben kann. Wenn ich solche E-Mails oder Briefe bekomme, geht mir das Herz auf.

Am 24. September HABEN Sie zum vierten Mal „Die lange Nacht des Selbermachens“ VERANSTALTET...
… bis zu 300 Orte machten bisher jeweils bei dieser Aktion mit. Die Menschen kommen zusammen, erlernen eine neue Technik, tauschen sich aus und kreieren dabei etwas. Man kann sich zu verschiedenen Workshops anmelden und dann beispielsweise eine Pinnwand bauen oder Schmuckstücke fertigen.

Wie ist die Stimmung an solchen Abenden?
Manche Teilnehmer sind versunken, andere reden miteinander, es wird viel gelacht. DIY ist etwas wahnsinnig Entspannendes und ungemein erfüllend. Beim Gestalten oder Töpfern kommt man in diesen berühmten Flow, weil man an nichts anderes denken kann. Eben meditativ.

Welche Kreativ-Trends wird es in Zukunft geben?
Ich glaube, dass sich immer mehr Menschen treffen werden, um kreativ zu sein. Und dann gibt es immer mehr Näh- und Strickcafés, wo Leute hinkommen und gemeinsam an ihren Stücken arbeiten. Ich hoffe, die Entwicklung wird ähnlich weitergehen wie beim Kochen: Diejenigen, die es als Hobby angefangen haben, professionalisieren sich weiter, sodass immer tollere Sachen entstehen. Mein Traum ist, dass sich mehr Menschen selbstständig machen und Unternehmen gründen – und somit eine Alternative zum Massenkonsum darstellen.

Welches ist Ihr DaWanda-Lieblingsprodukt?
Das Schönste, was ich schon immer einmal haben wollte, allerdings ganz schön kostspielig ist: ein Schaukelbett! Es wippt wie eine Schaukel, kann aber auch fest stehen, sehr cool. Was ich oft verschenke, ist die „Schöne-Tage-Box“. Das ist ein jahresunabhängiger Kalender. In einer Box sind 365 Karten und Platz dazwischen, um etwas reinzustecken. Auf die Karten kann man zum Beispiel notieren, was alles passiert ist.

Haben Sie bei Ihrem Job selbst noch Zeit für DIY?
Ich habe früher viel gestrickt, heute ist das anders. Außerhalb des Strickens ist mein Können eher begrenzt (lacht). Ich finde es toll, wenn man eine Fertigkeit hat und diese weiterentwickelt. Aber da fehlt es bei mir leider am Talent.

Interview: Kira Brück

SELBST IST DIE FRAU - Drei Beispiele erfolgreicher Kreativ-Blogs
www.kirili.de
Katrin Hrubesch, einst im PR-Bereich, hat eine Marke für Genähtes gegründet. Sie verkauft alles von Kissen bis Handytaschen.

www.din-din.de
Cindy Schaab, früher Art Director, bloggt heute über Kindermode und Stoffe. Und verkauft Eigenkreationen.

www.waseigenes.com
Sabine Guellich, Ex-Manager einer Hotelkette, vertreibt eigene Handtäschchen.  

Claudia Helming
gründete 2006 zusammen mit ihrem Geschäftspartner Michael Pütz DaWanda, den größten Online-Marktplatz für selbst gemachte Produkte in Deutschland. Sie ist bis heute Geschäftsführerin. 6,9 Millionen Menschen sind derzeit Mitglied bei DaWanda, aktuell finden sich dort etwa 5,9 Millionen Produkte, jeden Tag kommen gut 15 000 neue hinzu. Claudia Helming ist auf dem Land groß geworden, sie wohnt und arbeitet in Berlin.

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