Vorwerk
Berufstätigen-WG

Fünf Freunde, Küche, Diele, Bad: Mein Leben in der Berufstätigen-WG

Warum wir in einer Berufstätigen-WG wohnen? Weil wir uns eine geile Bude leisten können, immer einer kocht, zu fünft auch die Putzfrau erschwinglich ist und weil wir nicht gern allein sind. Unsere Berufstätigen-WG, das sind Melanie, Nele, Philipp, Jo und ich, Nina. Wir teilen uns den Kühlschrank, das Bad und den Staubsauger. Manchmal auch den Kater, den Liebeskummer und die Sorgen. Oder den Spaß am Leben hier in der Kölner Südstadt.

Morgens werde ich manchmal schon vor dem Wecker wach. Wenn ich in der Küche Geschirrgeklapper und Stimmen höre. Ab 7:00 Uhr ist bei uns in der Erwachsenen-WG wuselige Hektik angesagt. Zuerst steht Nele auf. Die gelernte Bootsbauerin arbeitet in Köln als technische Gestalterin und fängt gern früh an. Um halb acht ist sie aus dem Haus. Melanie (28, Produktdesignerin) duscht dann gerade. Philipp (33, Jurist) und Jo (31, Psychologe in der Marktforschung und DJ) sind so schnell im Bad, dass ich das oft gar nicht mitbekomme. Ich bin Nina, 35 Jahre alt und freiberufliche Journalistin. Ich hab‘s lieber, wenn der Tag später startet. 

Heut geh ich gegen halb neun im Bademantel in die Küche und treffe Jo. Er brät sich gerade Croutons für einen Salat, den er sich mit ins Büro nehmen möchte. „Morgen“, sagt er und ich frage „Gut geschlafen?“. Sehr viel mehr kommt heut nicht raus. So richtig wach sind wir beide noch nicht.

Ich nehme meinen Kaffee heute mit hoch in mein Zimmer unterm Dach. Unsere Wohnung erstreckt sich über drei Etagen. Wir haben zwei Bäder, vier Balkone, einen großen Wohn- und Essbereich mit hochwertigem Parkett. Auf insgesamt 187 Quadratmetern lassen wir es uns ganz schön gut gehen. Mit ranzigen Studenten-Wohngemeinschaften hat das nicht viel zu tun. „So 'ne Wohnung könnte ich mir allein in der Innenstadt nie leisten“, hat Jo neulich gesagt. „Und dass die Wohnung so groß ist, tut dem individuellen Lebensgefühl gut. Weil man sich hier ausbreiten kann und trotzdem nicht alleine ist.“ 

Von der Eigentumswohnung zurück in die Erwachsenen-WG

Vor drei Jahren hab ich meinen Kaffee woanders getrunken. Damals lebte ich in meiner Eigentumswohnung. Total schick: Altbau mit Dachterrasse. Sogar eine Einbauküche hatte ich mir geleistet. Nachdem ich jahrelang in Wohngemeinschaften gelebt hatte, dachte ich so kurz vor meinem 30. Geburtstag, ich müsse sesshaft und erwachsen werden. Wie man das halt so macht. Meine Wohnung war toll und eine Zeit lang fühlte ich mich großartig in meinen eigenen vier Wänden. Aber auf die Dauer fehlte immer irgendwas. Die Berufstätigen-WG, in der ich jetzt seit drei Jahren lebe, kannte ich damals schon. In einer Bierlaune hatte ich wohl mal gesagt: „Wenn bei euch mal was frei wird, sagt mal Bescheid.“ Ich selbst erinnere mich gar nicht mehr daran. Die damaligen Bewohner aber schon! Als sie mich fragten, ob ich einziehen möchte, hab ich ihnen erst mal einen Vogel gezeigt. Ein paar Tage später dachte ich aber: „Warum nicht? Ich probiere es mal aus.“ 
 


Eigentlich wollte ich nur ein Jahr bleiben und dann wieder zurück in meine kleine Traumwohnung ziehen. Eigentlich. Denn ich bin hier inzwischen Dienstälteste. Die meisten Mitbewohner bleiben drei bis vier Jahre, dann steht was Neues an. Die Zeit zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig ist geprägt von der Suche nach dem neuen Job, nach dem Partner, danach, was man im Leben so will. Und weil wir in dieser Zeit nicht alleine sein möchten, tun wir uns hier in der Erwachsenen-WG zusammen. 

Zwei Bäder und eine Putzhilfe

Unten höre ich ein „Tschüüüss“ von Melanie. Das ruft sie meist mit langgezogenem „ü“. Sie kommt aus Fulda, da macht man das vielleicht so. Ich rufe „Tschö“ herunter, mit „ö“, wie das im Rheinland üblich ist. Multikulti am Morgen, denke ich und schmunzle. Dann gehe ich ins Bad. Das ist inzwischen frei – so richtig lange warten müssen wir nie. Denn zwei Bäder machen das Leben leichter. Und sauber sind sie auch, da wir uns eine Putzhilfe gönnen. Durch fünf geteilt kostet das fast Nix und erspart uns jede Menge Ärger. 

Ich bin nun auch frisch für den Tag und ziehe meine Schuhe an. Neben der Garderobe steht eine Tüte mit Pfandflaschen. „Mist“, denke ich ertappt, „die müsste ich jetzt eigentlich mal wegbringen“. Aber ich hab es eilig. Würde ich noch alleine wohnen, würde mich das schlechte Gewissen jetzt nicht ereilen. Klar, hat man hier seinen Mitmenschen gegenüber eine andere Verantwortung. Aber das nehme ich gern in Kauf und nehme mir vor, dafür heute noch einkaufen zu gehen. Ich schließe die Tür ab. Weil wir alle arbeiten, ist die Wohnung tagsüber ziemlich leer. In Kontakt sind wir trotzdem.

WG-Gruppe auf WhatsApp

„Ping“ macht mein Handy ein paar Stunden später. Am Ton erkenne ich schon, dass es eine Nachricht in der WG-Gruppe ist. In dieser WhatsApp-Gruppe geht es rund. Denn bei fünf Leuten mit eigenem Leben, Job und Freizeitplänen ist es die einfachste Form, um sich abzustimmen. „Heut Abend Krisensitzung Waschmaschine?“, schreibt Jo. Unsere Waschmaschine hat gerade ihren Geist aufgegeben. Zu Studentenzeiten wäre so etwas ein echtes Problem gewesen. Bei fünf Verdiensten pro Haushalt relativiert sich das. Trotzdem müssen wir uns kümmern und bei solchen Dingen reicht WhatsApp nicht aus. Ich nehme das zum Anlass und schlage in der Gruppe vor, Lasagne zu kochen. Seit Generationen ist das hier in der WG das Traditionsgericht. Gegründet wurde sie vor zehn Jahren. Mit vielen alten WG-Bewohnern halten wir noch Kontakt. Einmal im Jahr treffen sich die Ehemaligen bei uns zur Weihnachtsfeier.

Kleine Buchhaltung für die Einkäufe

Den Einkauf übernimmt bei uns jeder mal. Wir haben dafür keinen Plan. Unsere Ausgaben schreiben wir auf eine Liste. Am Ende des Monats rechnen wir einen Tagessatz aus. Wer mehr als 24 Stunden nicht da ist, kann sich für den Tag austragen und dann wird umgerechnet, was jeder dem anderen schuldet. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Wir haben dafür eine Excel-Tabelle, die das alles automatisch macht. WG 3.0 sozusagen. „Und was ist, wenn du was gekauft hast, auf das du dich voll freust und dann ist es weg?“, fragen mich meine Freunde manchmal. Ich weiß genau, was sie meinen, denn die Sorge hatte ich auch als ich hier einzog. Und ja, manchmal passiert es auch, dass etwas Leckeres weg ist. Aber eher selten. Viel häufiger ist nämlich überraschenderweise ein besonders leckerer Käse da, oder sogar ein gekochtes Essen wenn ich heimkomme.

Berufstätigen-WG als Lebenskonzept

Heute ist das nicht der Fall, denn wir kochen ja gemeinsam. Ich schließe die Tür im vierten Stock unseres Wohnhauses auf. Nele ist da und hat auch schon das Pfand weggebracht. „Naaaa“, strahlt sie mir entgegen als ich die Einkaufstasche auf unsere Esstheke unserer offenen Küche hieve. „Wie lief der Dreh?“, fragt sie. „Gut, der war ja schon gestern“, erzähle ich. So ungefähr wissen wir immer, was bei den anderen ansteht. Aber auch nur ungefähr. Wir sind ja nicht verheiratet. „Ah – hab ich mich n büschn vertan, wa?“. Nele kommt aus Bremen. Ein echtes Nordlicht.
 


In vier Wohngemeinschaften hat sie vorher schon gelebt, einmal sogar auf einem großen Hof. Für sie ist die Wohnform Lebenskonzept: „Oh Gott. Ich alleine mit 'nem Mann am Stadtrand, was soll ich denn da?“, lacht sie scherzhaft. Mit Freunden überlegt sie, wie eine Wohnform in einer WG-ähnlichen Form auch in der Zukunft gelingen kann. Sie sagt, sie lernt dabei so viel von den anderen. „Zum Beispiel, dass man auch einfach sagen muss, wenn einen was stört.“ Das sei wichtig, meint sie. Ob es sie nicht störe, dass wir nicht ganz so viel Wert auf Sauberkeit legen, wie sie, möchte ich wissen. „Naja, das ist ja mein Bedürfnis“, gibt sie zu „das kann ich ja von euch nicht erwarten, dass ihr das in meinem Maße erfüllt.“ In unserer Berufstätigen-WG ergibt es sich irgendwie von selbst, dass wir nichts verlottern lassen. Außer vielleicht die Balkone, aber die räumen wir demnächst auf, haben wir schon gemeinsam beschlossen.

Heute räumen wir erst mal nur den Einkauf aus und legen die Lasagne-Zutaten bereit. Nele geht noch einmal kurz in ihre Zimmer zum Telefonieren. Dann trudelt Jo ein, mit Kopfhörern im Ohr. Irgendeinen Podcast hört er immer. Jo ist am Puls der Zeit. Wenn ich ihm einen Facebook-Post zeige, den ich lustig finde, hat er ihn oft schon gesehen. Und irgendwo in den Untiefen dieses Netzes findet er auch immer ein neues Rezept, das er für uns kocht. Rote-Beete-Brownies oder Pulled-Chicken gibt’s dann für alle. Wir mögen Jo. Aber nicht nur fürs Kochen. Beim Casting haben wir uns für ihn entschieden, weil er so entspannt ist. Er kommt aus Marburg und hat dort ein paar Jahre in einer 8er-WG gewohnt. Auch für ihn war klar, mit dem Berufseinstieg soll sich an der Wohnform nichts ändern. Außer, dass es jetzt eben ein bisschen luxuriöser zugeht bei uns. „Ich find`s schon geil, dass wir 'ne Putzfrau haben“, lacht er. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage“, gibt er zu und öffnet den Kühlschrank. „Die Nudeln kann man morgen noch mal essen, oder?“, sagt er. „Klar. Die sind von gestern“, antworte ich. Uns allen ist es wichtig, Reste aufzubrauchen und zu verwerten und bei einigen Produkten achten wir auf Bioqualität.
 


Einer unserer Mitbewohner nimmt es mit der Mülltrennung nicht so genau. Er heißt Jens und er ist immer schuld, wenn eine Käseverpackung aus Plastik im Hausmüll landet. Jens ist auch schuld, wenn sich das Altpapier türmt oder die Küche nicht sauber ist. Aber Jens hat hier kein Bett, keiner von uns weiß, wie Jens aussieht und wir haben ihn noch nie gesehen. Nele hat ihm aber neulich mal einen Zettel geschrieben und auf den Mülleimer geklebt: „Lieber Jens, in diesen Mülleimer kommt kein Plastik. Danke!“, war die Botschaft an Jens. Er hat sie verstanden, und wir alle auch. Einen Buhmann wie Jens in der WG zu haben, der ab und zu gut gemeinte Tipps vertragen kann, ist sehr praktisch.

Melanie trudelt aus dem Badezimmer ein. Sie ist heute von einer Geschäftsreise aus China zurückgekehrt und ein bisschen müde. Trotzdem ist sie, wie immer, total freundlich und kein bisschen muffelig. Bewundernswert. „Was kann ich denn helfen?“, möchte sie wissen und wir verteilen Aufgaben. Melanie wäscht Salat, während Nele sich an die Bechamelsauce macht.
 


Melanie wohnt jetzt seit September bei uns und ist neu in Köln. Für sie war nicht ganz klar, ob sie in eine Berufstätigen-WG oder allein in einer Wohnung leben möchte. „Aber nachdem ich hier zum Casting war, fand ich das so spannend, was alle so machen“, erinnert sie sich. Auch für Philipp ist die Vielfalt das Wichtigste: „Wenn hier noch ein anderer Jurist gewohnt hätte, wär ich nicht eingezogen“, hat er mir gestanden. Philipp ist noch nicht da. Er arbeitet viel und kommt oft erst spät nach Hause. Er lässt sich heute durch Robby Robbsen vertreten, unseren Staubsauger-Roboter. Den hat er mit in die WG gebracht und während wir Lasagne-Blätter stapeln saust Robby um unsere Füße herum. So ein bisschen, wie ein Haustier kommt er mir vor. 

„Ich finde es cool, dass wir uns alle so gemeinsam um solche Sachen kümmern, wie Stromanbieter, jetzt die Waschmaschine, GEZ. Das macht irgendwie Spaß, dass wir gemeinsam so verantwortungsvoll damit umgehen und ich find das schweißt auch zusammen“, meint Melanie. Das sei im Studentenalter anders gewesen. „Meine Eltern haben schon komisch geguckt, als ich erzählt habe, dass ich wieder in eine WG ziehe“, sagt sie. Für unsere Elterngeneration ist es häufig nicht nachvollziehbar, dass man trotz Verdienst in einer WG für Erwachsene wohnen will. Auch meine Eltern haben große Augen gemacht als ich vor drei Jahren bekannt gab, dass ich meine Wohnung aufgebe, um wieder in Berufstätigen-WG zu ziehen. Sind wir in unserer Generation anders? Ist das eine ganz neue Wohnform für die Zukunft? Ja, vielleicht. Aber nicht in diesen vier Wänden. Hier machen wir alle eher auf der Durchreise Halt und genießen den Zwischenstopp. Den Wunsch, weiterzuziehen und sich doch irgendwie niederzulassen, den haben wir alle. Auch ich denke über eine Wohnform nach, bei der ich die schönen Erfahrungen des Zusammenlebens mit dem Gefühl der eigenen vier Wände verbinden kann. Zum Beispiel, indem ich mit Freunden in ein Mehrfamilienhaus ziehe, wo jeder seine eigene Wohnung hat, man sich aber dennoch nahe ist. Mal schauen.

Jetzt kochen wir erst einmal weiter Lasagne. Für mich alleine hätte sich das nie gelohnt. Es riecht auch schon so gut. „Ready?“, fragt Nele als Jo in den Ofen guckt. Der nickt und wir holen das brutzelnde Nudelglück aus dem Ofen. „Gut, dass wir morgen zum Sport gehen“, sag ich zu Nele und Melanie, mit denen ich einmal die Woche einen Outdoorfitness-Kurs besuche. Wir genießen unser Festmahl und räumen spät abends noch gemeinsam die Spülmaschine ein. Morgen früh wird sie fertig sein. Dann steht wieder Geschirr bereit für einen neuen Tag. Der für mich beginnt, wenn ich oben im Bett die Stimmen und das Geschirr in der Küche höre. Hier in unserem kleinen Berufstätigen-WG-Paradies.

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