Vorwerk
Alleinerziehenden-WG

Gemeinsam in der Alleinerziehenden-WG

Früher kannte man Wohngemeinschaften meist nur vom Studentenleben, heute gibt es sie ebenso unter Berufstätigen und Alleinerziehenden mit Kindern. Wie in Berlin im Stadtbezirk Prenzlauer Berg: Nora und Anja kennen sich aus dem Berufsleben. Seit ein paar Wochen wohnen die beiden Mamas mit ihren jeweils zwei kleinen Kindern zusammen. Ohne Väter, ganz auf ihre eigene Art.

„Wir gucken einfach ...“, sagt Anja. Sie sitzt in ihrer neuen Wohnung am Esstisch. Pele klettert neugierig auf ihren Schoß und schnappt sich ein Knäckebrot. Die Wände sind bunt gestrichen, offene Regale auf Höhe der Erwachsenen, am Kühlschrank hängen Kinderzeichnungen. Küche und auch Bad haben sie in den letzten drei Wochen gemeinsam renoviert – kurz nach dem Einzug. „...Was den Ablauf des Zusammenlebens angeht. Das wird sich zeigen", erzählt sie mit gelassener Stimme. Und Nora, die ihre Jungs gerade zum Spielen ins Kinderzimmer schickt, damit es in der Küche etwas ruhiger wird, ergänzt: „Anja und ich mögen uns. Ich glaube, das färbt auch auf die Kinder ab. Das wird hier schon funktionieren.“
 

Nora (links) und Anja (rechts) verstehen sich gut

Auf die Idee mit der Wohngemeinschaft für Alleinerziehende kam Nora nach der endgültigen Trennung von ihrem Freund. „Ich wollte die große Wohnung nach dem Auszug des Vaters nicht aufgeben“, sagt die Mutter von Samuel (5) und Aron (2). „Das ist ihr gewohntes Zuhause.“ Also schaltete sie online eine Anzeige: „Zimmer frei in 4er WG, 17 qm, hell und mit Dielen verlegt. Spezifizierung: Berufstätigen-WG; WG mit Kindern. Details: Wir, das sind meine beiden Söhne und ich die Mama, 34 Jahre alt. Wir sind unkompliziert, offen und ordentlich (letzteres zumindest ich). Du solltest dir vorstellen können, mit Kindern zu leben. Gerne auch selber Kinder haben. Das heißt nicht, dass du unseren kompletten Alltag teilen musst. Es wäre aber schön wenn, wir ab und an gemeinsam essen.“

Nora bekam prompt einige Zuschriften und es dauerte nicht lange, bis die erste Mama mit ihrem zweijährigen Sohn eine Weile bei ihr wohnt. Später die Zweite und seit diesem Sommer Mama Nummer drei: Anja (37) mit Tochter Tara (6) und Sohn Pele (4). Die beiden kennen sich über die Arbeit. Anja war bei Nora an der Sekundarschule tätig, heute unterrichtet sie an einer Berufsschule. Beide haben eine 75-Prozent-Stelle. 

„Anja war mir schon damals sympathisch“, erzählt Nora. „Damit, dass sie bei uns einzieht, hatte ich ein gutes Bauchgefühl.“ Anja hat sich im September 2014 von ihrem Freund getrennt. Fast zwei Jahre lebte sie mit ihren Kindern alleine in Berlin-Tegel. Sie wollte zurück zum Prenzlauer Berg, da ihre Kleinen hier in die Kita und in die Schule gehen. „Ich wollte auch einfach nicht mehr alleine mit den Kindern wohnen“, sagt sie.

Die Kinder teilen sich ein großes Zimmer

Nora und Anja bewohnen jeweils ein Zimmer der 110-Quadratmeterwohnung im Erdgeschoss. Im dritten Zimmer wohnt der Ayaz, der aus Syrien stammt und vor kurzem von den beiden Müttern in der WG aufgenommen wurde. Das größte Zimmer am Flurende teilen sich die Kinder. Mit allem, was sich Kids zwischen zwei und sechs Jahren wünschen. Da steht zum Beispiel ein Hochbett mit Rutsche, auf dem Samuel gerne rumturnt. Ein großes Plüschpferd für den kleinen Aron, der hierauf gern voltigieren spielt. Und der Hamster von Tara, dessen Stall nun auf einer Kommode thront. „Ich finde es schön, dass die Kinder Spielgefährten haben“, sagt Nora. Auch wenn sie alle ganz unterschiedliche Charaktere haben. So ist Samuel, der älteste Sohn, ein neugieriger kleiner Junge, der auf jede Person offen zugeht. Während der vierjährige Pele am liebsten bei Mama Anja bleibt. Die Situation ist ihm noch zu unbekannt.

„Familie ist dort, wo Kinder sind.“ Folgt man den oft zitierten Worten aus dem Bundesfamilienministerium, so kann Familie auch dort entstehen, wo mehrere Kinder zuhause sind. Fürsorge und Zuwendung, Schutz, Zusammenhalt und Verlässlichkeit – all das und mehr spielen im Haushalt von Anja und Nora eine ebenso große Rolle wie in einer traditionellen Familie.

Die beiden Großen, Samuel und Tara, gehen auf verschiedene Grundschulen, die Kleinen, Aron und Pele, in andere Kitas. Da muss jede Mama morgens etwas anders planen, bevor sie selbst zur Arbeit fährt. Spätestens am Nachmittag sind dann wieder alle zusammen und haben Zeit füreinander. Zum Quatschen, Spielen und für den Haushalt. Ganz normale Familiensachen. Am Abend wird oft zusammen gegessen. Anja und Nora mögen es, wenn gekocht wird. Und freuen sich jedes Mal, wenn Ayaz etwas Leckeres für sie zubereitet. Wenn nicht, zaubern sie gemeinsam etwas auf den Tisch. 

Bis dann jedes Kind im Schlafanzug steckt und die Zähne geputzt hat, ist es mindestens 20 Uhr. „Das erste Mal alle vier Kinder in einem Zimmer zu Bett zu bringen war schon ziemlich chaotisch“, erzählt Nora. „Beim zweiten Mal hat es aber eigentlich prima geklappt.“ Die beiden Mamas haben ähnliche Rituale mit ihren Kindern, wie zum Beispiel ein Hörspiel oder eine Gute-Nacht-Geschichte. Ein anfängliches Problem waren die Lichtgewohnheiten. „Die einen mögen es lieber etwas heller, die anderen etwas dunkler. Aber da haben wir auch eine Lösung gefunden“, sagt sie. Wenn alle schlafen, genießen Anja und Nora die freie Erwachsenen-Zeit hin und wieder mit einem Glas Wein zusammen. „Dass man Gleichgesinnte auf Augenhöhe hat, ist toll“, sagt Nora. Genau so hat sie es sich vorgestellt.

Putzen, Kochen, Waschen: Jeder packt mit an

Einmal die Woche kommt die Putzfrau und macht alle Räume sauber. „Das war mir von Anfang an wichtig“, sagt Nora. „Du hast ja eh mit Kindern die ganzen Krümel und musst dauernd hinterher wischen.“ Für den Haushalt braucht es ansonsten keinen Plan: Jeder macht was für jeden - wie er gerade Zeit hat und es auch gerade nötig ist. Der eine kocht, der Andere räumt die Spülmaschine aus, der Dritte wäscht die Klamotten. Und Hilfe gibt es auch von Ayaz. Nicht nur beim Kochen, sondern auch bei handwerklichen Tätigkeiten. „So teilen wir uns dann ein – auch wenn es ums Kinder aufpassen geht“, erzählt Anja.
 

Pele, der Schüchterne (rechts) und Samuel, der eher offene Charakter (links) zusammen mit Ayaz

Auch wenn Nora und Anja ihr neues WG-Leben leicht nehmen. Nicht jede alleinerziehende Mutter traut sich diese Lebensform zu. Im Vorfeld macht sich Befürchtung breit, dass der Alltag nicht zusammen passen könnte. Und: „Anders als in einer Studenten-WG müssen sich nicht nur die Eltern vertragen, sondern eben auch die Kinder“, sagt Susann Sültemeyer, Fachberaterin für Ein-Eltern-Familien beim Verein KiND VAMV in Düsseldorf.

Nora kann hier nur mit dem Kopf schütteln: „Einfach machen und sich trauen! Die Kinder kriegen im Alltag eh mehrere Perspektiven mit.“ Auch die, dass Erwachsene unterschiedliche Einstellungen haben und verschiedene Anforderungen an sie stellen. Und dass sie auf andere Kinder treffen, mit denen sie sich arrangieren müssen.

Dabei kennen auch Nora und Anja die Skepsis von außen. „Ihr seid verrückt! Nur ein Bad und ein Kinderzimmer? Warum tut ihr euch das an?“ mussten sie sich schon oft fragen lassen. Anja: „Meine Eltern wundert das weniger, dass ich so leben will. Sondern meine Freunde, mit oder ohne Kinder, für die es nur die klassische Familie gibt.“

Viele neue WG-Bewohner: Die Umstellung braucht Zeit

Mit vier statt zwei kleinen Kindern steigt natürlich der Lärmpegel im Haushalt. Vor allem für Pele ist es manchmal zu laut. Er muss sich noch an die neue Situation gewöhnen. Seine Schwester Tara hat das schon fast. Das Einzige, was ihr manchmal zum Spielen fehlt, ist ein anderes Mädchen. Anja versucht mit ihren Kindern solche Dinge direkt zu besprechen. „Ich frage nach, wie die Situation für sie ist“, erzählt sie. Für Pele ist es noch nicht sein Zuhause, sondern Noras Wohnung, sagt er. Anja hofft, dass sich das bald ändern wird.
 

Anja und Pele

Wie lange hält wohl eine Alleinerziehenden-WG? Nora meint, dass sie so etwas nicht planen kann. Wohl aber, dass sie in den nächsten zwei Jahren keine Veränderung will. Und Anja stuft langfristig die Konstellation mit nur einem Kinderzimmer als schwierig ein, da Töchterchen Tara spätestens in der Pubertät ein eigenes Zimmer braucht. Und wenn sich eine der beiden Mamas neu verliebt? Möglich ist das natürlich schon, aber Zusammenziehen mit einem neuen Partner das wollen die beiden erst mal nicht. „Ich finde die WG-Variante schöner“, antwortet Anja sofort. „Vielleicht wird die WG ja später noch etwas größer.“ Jetzt fahren sie erst einmal alle zusammen an die Ostsee. Der erste WG-Urlaub sozusagen.

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