Vorwerk
Mehrgenerationenwohnen

Mehrgenerationenhaus – eine seltene Erscheinung

Jeder hilft jedem und die Familie ist vereint: Die Vorteile eines Mehrgenerationenhauses liegen auf der Hand und dennoch wohnt kaum jemand mit der eigenen Großfamilie unter einem Dach. Und das war nie anders! Von einem verklärten Bild der Geschichte und neuen Formen des generationenübergreifenden Zusammenlebens.

Theo ist ein Jahr alt und spielt mit seinem Opa im Garten. Sein Vater Christian (29) hat als Kind schon im gleichen Garten gespielt. „Ich find es schön, dass er in dem Umfeld groß wird, in dem ich auch aufgewachsen bin“, freut sich Christian. Geplant war der Einzug in das Mehrfamilienhaus seiner Kindheit aber eigentlich nicht. Christian hatte Fulda zum Studieren verlassen. Nach dem Abschluss fand er einen Job in der Nähe seines Heimatortes. Seine Freundin war gerade schwanger und in dem Haus seiner Eltern wurde eine Wohnung unter dem Dach frei. „Wird schon schiefgehen mit den Eltern“, sagte er sich. Jetzt probt er das Mehrgenerationenwohnen gemeinsam mit ihnen und seinen Großeltern in dem Mehrfamilienhaus, in dem er auch als Kind schon gewohnt hat: Unten die Großeltern, in der Mitte die Eltern und unterm Dach Christian mit Frau Melanie und Sohnemann. Jeder hat seine eigene Wohnung, aber den Austausch und die Nähe suchen alle fast täglich. „Vor allem seit das Kind da ist“, ergänzt Christian.

Ein solches, natürlich gewachsenes Mehrgenerationenhaus ist heute eher eine Seltenheit. Nur wenige Menschen wohnen noch mit der Herkunftsfamilie unter einem Dach. Vor allem nicht, wenn es sogar darum geht, gemeinsam einzukaufen, zu waschen und zu kochen.
 


Knapp ein Drittel aller Haushalte in Deutschland wird von zwei Generationen gemeinsam geführt. Das hat eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 ergeben. Diese Zweigenerationenhaushalte setzen sich in der Regel aus der Wohnform „Kinder und Eltern“ zusammen. Seltener leben die so genannte „mittlere Generation“ und die eigenen Eltern miteinander. Noch seltener ist der Fall, dass Eltern, Großeltern und Kinder gemeinsam wohnen. Gerade einmal 0,5 Prozent aller Haushalte in Deutschland werden aktuell von drei Generationen, gemeinsam geführt. Vor etwa zwanzig Jahren waren es noch fast doppelt so viele.

Vorteile des Mehrgenerationenwohnens: Babysitter und Altenpfleger zugleich

Christians Eltern springen nicht nur als Babysitter ein, sondern übernehmen inzwischen auch einen großen Teil des Haushalts der Großeltern. Beide sind schon um die 90 Jahre alt und brauchen Hilfe. „Sie sind nicht pflegebedürftig, aber meine Mutter kocht schon für sie mit und hilft ziemlich viel“, erzählt Christian. In der alltäglichen Unterstützung der ältesten Generation im Haus sind er und seine Frau nicht involviert. „Aber wenn ein Fernseher kaputt geht oder mal was geschleppt werden muss, mach ich das“, erklärt er. Dass er durch seine pure Anwesenheit die Eltern und Großeltern jung hält, scheint ihm gar nicht bewusst.

Genau in diesem Austausch liegt der Mehrwert des generationenübergreifenden Wohnens, erklärt die Familiensoziologin Sinja Meyer-Rötz aus Göttingen: „Nicht nur praktische Hilfe sondern auch der Austausch der Lebenserfahrung gegen moderne, frische Gedanken charakterisiert das Geben und Nehmen dieser Wohnform.“ Warum leben eigentlich nicht mehr Familien nach diesem Modell des Mehrgenerationenhauses? War doch schließlich früher ganz normal, oder?

Generationenhaus: Alle unter einem Dach – das ist ein romantisches Bild

Das Bild der guten alten Zeit, als viele Generationen gemeinsam einen Hof bewirtschafteten und sich Haus und Herd teilen, kennen wir aus Filmen und Büchern. Allerdings ist faktisch gar nicht belegt, dass früher Jung und Alt unter einem Dach gelebt haben. Im Gegenteil. „Der Dreigenerationenhaushalt als natürliche Lebensform war früher eher die Ausnahme“, erklärt der Historiker Josef Ehmer.

Der Professor im Ruhestand lehrte und forschte an der Universität Wien zur Geschichte der Familie vom 18. bis 20. Jahrhundert. Auch damals, so beschreibt er, sei es für Kinder im arbeitsfähigen Alter normal gewesen, auszuziehen und sich Arbeit zu suchen – als Knechte, Mägde oder Dienstmädchen. Die meisten Menschen lebten damals als Kleinbauern, die sich selbst versorgten. Auf diesen kleinen Höfen gab es aber nicht genug Arbeit, so dass die Nachkommen bezahlte Jobs auf größeren Höfen und später auch in der Stadt suchten. Auch Handwerker verbrachten oft eine lange Zeit in einem anderen Meisterbetrieb. 

Das Bild der Großfamilie – alle unter einem Dach – entstand als romantische Vorstellung im 19. Jahrhundert. „Zur Zeit vor und während der Industrialisierung herrschte eine unsichere Lage und die Menschen verspürten eine gewisse Unstabilität im Arbeitsleben“, erklärt Ehmer. Aus einer Sehnsucht nach einer Lösung für gewisse soziale Probleme entstand das Bild der heilen, ländlichen Familie. „Mit der echten Vergangenheit hat das aber nichts zu tun“, betont der Historiker. 

Heute sind wir von der Familie unabhängig 

In Zeiten der Not, wie etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, lebten Menschen notgedrungen gemeinsam unter einem Dach. Die bürgerliche Vorstellung der heilen Familie prägte das Ideal der Lebensvorstellung. „Aber schon ab den fünfziger Jahren bekamen junge Menschen ganz neue Möglichkeiten“, erklärt Sinja Meyer-Rötz. Eine höhere Bildung sei nicht mehr nur privilegierten Familien vorbehalten gewesen. „Und Alleinleben war nicht mehr stigmatisiert“, ergänzt sie. Seine eigenen Lebenswege zu gehen und individuelle Entscheidungen treffen zu können führte dazu, dass wir heute unabhängig wohnen können und auf den Rückhalt der Großfamilie nicht angewiesen sind.

Neue Mehrgenerationenhäuser werden gefördert

Aber die gute alte Zeit, auch wenn es sie so nie gegeben hat, wird gerade wiederentdeckt. In ganz Deutschland fördert das Bundesfamilienministerium Mehrgenerationenhäuser, in denen Menschen unterschiedlichsten Alters zusammenwohnen. Ob verwandt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. 500 solcher Wohnprojekte entstanden oder entstehen gerade dank der Förderung, von der man sich eine Lösung für die Probleme des demografischen Wandels erhofft. „Das sind künstlich hergestellte Räume, die das alte Ideal imitieren“, sagt Meyer-Rötz. Allerdings seien die Menschen, die sich bewusst für diese Wohnform und ein Miteinander der Generationen entscheiden, meist sozial denkende Bürger, die sich ohnehin häufig gemeinnützig engagierten und sich um das Wohl ihrer Angehörigen kümmerten. Ob damit die Lösung künftiger, demografischer Probleme in einem künstlich geschaffenen Mehrgenerationenhaus liege sei fraglich.

Quartierentwicklung – geplante Solidarität

Nicht nur Mehrgenerationenhäuser, sondern auch ganze Wohnquartiere unterstützt der soziale Wohnungsbau in den Kommunen. Es sollen Orte entstehen, in denen es zentrale Anlaufstellen wie Cafés gibt, die Kitas sollen gezielt alte Menschen ansprechen – kurzum, sozialräumliche Probleme sollen durch ein Füreinander-Einstehen gelöst werden. Für dieses Modell wiederum lassen sich tatsächlich Vorbilder in der Geschichte finden. Alte Menschen wurden nämlich auch damals nicht alle von ihren Nachkommen im Generationenhaus gepflegt. Wer es sich leisten konnte, wurde von Dienstmädchen versorgt. Die anderen wurden im Dorf reihum gepflegt. Jeder Hof nahm die Dorfarmen, die zu alt waren, um für sich selbst zu sorgen, ein paar Monate bei sich auf.

Irgendjemand muss das Haus mal übernehmen

Bei Christian steht das nicht an. Er kann sich vorstellen, dass er noch länger in dem Mehrgenerationenhaus wohnen bleibt. Und sieht es ganz pragmatisch: „Irgendjemand muss das Haus mal übernehmen. Meine Eltern sind auch schon über 60. Es wäre einfach Unsinn, noch ein Haus zu bauen.“ Und so genießen sie das Miteinander. Christians Eltern sind froh, dass noch eine Generation mitdenkt und zum Beispiel Vorschläge hat, wie man den Garten gestalten kann. Denn auch wenn Christian hier schon als Kind gespielt hat, es darf sich natürlich etwas verändern. Schließlich spielt jetzt eine neue Generation mit. Ob Theo irgendwann mal seine Kinder in dem Haus großziehen wird, steht in den Sternen. Aber wer weiß, vielleicht sind bis dahin natürlich gewachsene Mehrgenerationenhäuser total angesagt.

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