Vorwerk
Experten Ratgeber

Niedrige Wohnkosten oder kurze Wege in der Stadt?

Es gibt bundesweit den Trend, dass Familien wieder von der Stadt aufs Land ziehen. Wir haben die Experten Prof. Dr. Claus-Christian Wiegandt und Dr. Barbara Malburg-Graf gefragt woran das liegt und auf welche Bedingungen sich die Familien auf dem Land einzustellen haben. Wiegandt ist Professor für Stadt- und Regionalforschung an der Universität Bonn. Dr. Barbara Malburg-Graf unterstützt in Süddeutschland Kommunen und Regionen bei der Ausarbeitung von Entwicklungskonzepten für die Zukunft.

Oft liest man, die Dörfer stürben. Dagegen überrascht, dass viele Familien z. B. in ländlichen Siedlungen wie Ittenbach bei Königswinter und in Oedingen im Landkreis Ahrweiler leben. Sind das Einzelfälle?

Wiegandt: Das Dorf im klassischen Sinne gibt es heute kaum noch. Viele Dörfer sind heute städtisch überformt. Das gilt vor allem für die Dörfer, die im Umland der großen Städte liegen. Dazu gehören auch Ihre beiden Beispiele. Seit den 60er Jahren haben vor allem Familien mit Kindern die Kernstädte verlassen, um in Dörfern am Stadtrand Häuser zu bauen und hierher zu ziehen. In den vergangenen Jahren ist dieser Zuzug von der Stadt aufs Land allerdings etwas zurückgegangen. Das liegt daran, dass viele Familien heute kinderlos bleiben oder der Kinderwunsch erst im höheren Alter erfüllt wird.

Malburg-Graf: Sicher nicht. Es gibt Regionen, in denen Dörfer gut aufgestellt sind, weil junge Menschen dort bleiben möchten, Arbeit finden und eine Familie gründen. Gerade in Baden-Württemberg sind die Lebensverhältnisse in den ländlichen Räumen mit einer starken mittelständischen Wirtschaft im Vergleich zum Beispiel mit strukturschwachen ländlichen Regionen in Ostdeutschland sehr gut. Es gibt Dörfer, die einen Zuzug junger Familien oder Menschen mittleren Alters erleben, weil sie attraktiv sind. Das betrifft insbesondere verkehrsgünstig gelegene Orte im Umfeld von Städten. Häufig gibt es auch den Fall, dass ein Hauptort oder eine Kernstadt im ländlichen Raum wie Sinsheim im Rhein-Neckar-Kreis an Bevölkerung gewinnt, während eingemeindete, weiter entfernt liegende, Dörfer Bevölkerung verlieren.

Warum sterben einerseits Dörfer, andere blühen hingegen auf?

Malburg-Graf: Zum einen liegt es daran, ob man eine Arbeit, oder einen Ausbildungsplatz in der Nähe oder auch einen Studienplatz in einer nahe gelegenen Stadt findet. Auch in ländlichen Regionen gibt es Mittelstädte wie Biberach an der Riß (Oberschwaben), wo es zum Beispiel eine Fachhochschule gibt. Außerdem sind viele bereit sehr weite Wege zum Arbeitsplatz zurückzulegen, um dafür an einem naturnahen Ort und im bekannten Umfeld leben zu können. Sicher ist für Familien die Ausstattung mit Schulen und Einrichtungen der Kinderbetreuung wichtig. Aber auch die Verkehrsanbindung und ein schneller Internet-Anschluss spielen eine große Rolle. Zum anderen ist auch der Freizeitwert wichtig. Eine Gemeinde, die verschiedene Freizeit- und Sportmöglichkeiten anbieten kann, ist im Vorteil. 

Es blühen vor allem die Dörfer auf denen es gelingt, neue Wege zu gehen, indem sie es etwa schaffen, ihre Bürgerschaft für ein besseres Miteinander zu mobilisieren und die in touristisch attraktiven Regionen liegen wie in der Bodenseeregion, im Allgäu oder im Südschwarzwald.

Ist es günstiger, auf dem Land zu leben als in der Stadt?

Wiegandt: Die reinen Wohnkosten sind auf dem Land sicher meist geringer als in der Stadt. Aber es gilt zu berücksichtigen, dass die Fahrt zum Arbeitsplatz länger sein kann. Auch für die Versorgung mit Gütern des Alltags sind auf dem Land Autofahrten notwendig. Insofern sind die Mobilitätskosten gegen zurechnen – und das sind nicht nur die Benzinkosten, sondern auch die Fixkosten der Mobilität.

Sind es finanzielle Gründe, die Familien aufs Land ziehen? Im Rheinland habe ich vom Land überzeugte Menschen gefunden. Es geht ihnen ums menschliche Zusammenleben.

Wiegandt: Es gibt viele Gründe aufs Land zu ziehen. Die Wohnkosten sind das eine, das andere kann die Möglichkeit sein, hier ein freistehendes Haus zu erwerben oder zu bauen. Bei einigen gibt es noch immer den Traum vom Einfamilienhaus. Oft wird auch das einfachere Zusammenleben in der Nachbarschaft genannt, doch behaupte ich, dass es auch in Städten gut funktionierende Nachbarschaften geben kann. Oft sind es bei jungen Familien die Kinder, die für die sozialen Beziehungen der Eltern sorgen. Das passiert in der Stadt genauso wie auf dem Land.

Malburg-Graf: Dies stimmt. Es sind sowohl finanzielle als auch ideelle Gründe. Kein Mensch lebt in einem wohlhabenden und sicheren Land wie Deutschland irgendwo nur des Geldes wegen. Der Grund fürs Wegziehen kann aber sein, dass man in der ländlichen Region keine zu einem passende Betätigung findet und auch nicht mit ihr den Lebensunterhalt bestreiten kann. Gerade in ostdeutschen ländlichen Regionen gab es nach der Wende eine wahre Bevölkerungserosion, da Möglichkeiten der Existenzsicherung wegfielen.

Wie können sich Familien gut vorbereiten, wenn sie aufs Land ziehen wollen?

Wiegandt: In den Neubaugebieten entwickeln sich unter den Zugezogenen schnell Kontakte, denn alle sind ja in der gleichen Situation, wenn alle zum gleichen Zeitpunkt einziehen. Und das gilt erst recht, wenn es Kinder in den Familien gibt. Kinder gehen nach meiner Lebenserfahrung viel unbeschwerter aufeinander zu und fördern auf diese Weise die Kontakte auch zwischen den Eltern.

Malburg-Graf: Wer umziehen will, muss sich fragen: Was ist mir wichtig? Was brauche ich, damit ich mich wohl fühle? Bin ich eher ein Stadt- oder ein Landmensch? Zeitschriften wie „Landlust“ zeigen nicht unbedingt ein differenziertes Bild vom eher ländlich geprägten Leben. Aber sie zeigen, dass es nach wie vor - oder wieder, ein Interesse an einem Gegenmodell zum Stadtleben und an der Nähe zur Natur gibt. Deshalb denke ich, dass man vor einer Entscheidung, in einen eher ländlich geprägten Ort zu ziehen, echte Tuchfühlung mit dem Ort oder der Region aufnehmen sollte, um später nicht enttäuscht zu sein. Der erwähnte Familienatlas kann möglicherweise Orientierung bieten, wenn man nicht ohnehin auf eine Region festgelegt ist.

Zu den Experten:

Dr. Claus-Christian Wiegandt, Professor für Stadt- und Regionalforschung an der Universität Bonn, beschäftigt sich mit Ursachen für aktuell ablaufende Veränderungen in der Stadt- und Regionalentwicklung. Es ist ihm ein Anliegen, die Probleme und Chancen einer zielgerichteten Gestaltung städtischer und stadtregionaler Entwicklungsprozesse zu klären. Dazu sucht er den umfassenden Dialog mit Entscheidungsträgern aus Planung, Politik und Wirtschaft.

Die Geographin und Mediatorin Dr. Barbara Malburg-Graf unterstützt in Süddeutschland Kommunen und Regionen bei der Ausarbeitung von Entwicklungskonzepten. Als Expertin für nachhaltige Raumentwicklung setzt sie sich unter anderem dafür ein, Ortskerne ländlicher Gemeinden mit ihren leeren Gebäuden zu sanieren und wiederzubeleben. Einem breiten deutschen Publikum wurde sie bekannt, als sie im Februar der Planet Wissen-Redaktion des SWR bei der Sendung „Landflucht - warum unsere Dörfer sterben“ mit Rat und Tat zur Seite stand.

  Weiterlesen 

Urban Gardening

Der Kopfsalat hinterm Kreisverkehr

Mit Urban Gardening erobert ein neuer Trend die Stadtzentren. Was hinter den vielen gemeinschaftlich betriebenen Nutzgärten steckt, erfahren Sie hier.

Urbanes Landleben

Die neue Sehnsucht nach Bullerbü

Wir stricken wieder Pullover und begeistern uns für Marmeladen-Rezepte; richten uns mit Shabby-Chic-Möbeln ein und suchen nach Vintage-Buffets: Das traditionelle Landleben ist zurück – aber diesmal in der Stadt. Über den neuen Landhausstil in der City – ein Trendbericht.

  Mehr zum Thema 

Kochformate

Käpt’n Cookooning

Gemeinsam, statt einsam. Der Berliner Koch Daniel Grothues lädt wildfremde Menschen zu sich nach Hause ein und kredenzt ihnen ein 5-Gänge-Menü. Warum? Das erfahren Sie hier.