Vorwerk
Sharing Economy

Nutzen statt Besitzen: Die neue Lust am Teilen

Sharing Economy: Bezahlt wird mit Vertrauen

Die Sharing Economy bringt viele Startups hervor, die uns die neue Form des Tauschens, Teilens und Schenkens offeriert - auch Collaborative Consumption genannt. Ob weltweite Erfolgsmodelle wie Airbnb und car2go oder lokale Tauschbörsen im eigenen Wohnort: Für viele Teilnehmer zählen vor allem Preisvorteile und Zusatzverdienste, aber auch der Gemeinschaftssinn. Wie nachhaltig und fair die Angebote gehandelt werden, hängt jedoch von jedem selbst ab. Also alles nur eine clevere Geschäftsidee? Ein Trendüberblick über die Angebote der Sharing Economy.

Der eine hat ein Auto, das er nur am Wochenende nutzt. Der andere braucht ein Auto einmal in der Woche zum Einkaufen, alles andere erledigt er mit Bahn und Fahrrad. Also warum bietet die erste Person der zweiten nicht ihren Wagen an? Klingt simpel, wenn Person eins und zwei voneinander wüssten.

In diese Marktlücke ist Drivy getreten. Der heutige Marktführer im privaten Carsharing bringt auf seiner Online-Plattform Autobesitzer und Suchende zusammen. Das Startup gründete der Franzose Paulin Dementhon bereits 2010. In Frankreich, Spanien und Deutschland vermittelt der Dienst derzeit 37.000 Autos von Privatpersonen, davon hierzulande 5.500. Carsharing ist neben dem Tauschen oder Vermieten von Privatunterkünften das etablierteste Angebot der Sharing Economy. 
Herkömmliche stationsunabhängige Carsharing-Dienste, zu denen car2go (Daimler), DriveNow (BMW) gehören oder auch stationsabhängige Dienste wie Flinkster (Deutsche Bahn), kommen in Deutschland mittlerweile auf 150 Anbieter mit insgesamt 1,26 Millionen angemeldeten Bürgern. Privates Carsharing steckt hier vergleichsweise noch am Anfang.
 

Quelle: bcs Bundesverband CarSharing, Stand 01.01.2016

„Vor allem aus großen Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Stuttgart kommen unsere Nutzer, aber auch vereinzelt vom Land“, erzählt Heiko Barnerßoi, Drivy-Chef für den deutschen Markt. Junge Familien mit ein bis zwei Kindern leihen sich hier ein Auto für den Sommerurlaub, im Alltag sind es oft Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die seine Vermittlung in Anspruch nehmen, sagt er. 

Das Besondere an dem Leihauto in der Nachbarschaft ist sein günstiger Preis. Für im Schnitt 15 bis 30 Euro lässt sich ein Kleinwagen für einen Tag ausleihen. Eine Teil- oder Vollkaskoversicherung gibt es vom Partner Allianz gratis dazu. 

Besitz belastet vor allem die jüngere Generation

Drivy und auch andere Dienste der Sharing Economy sind Teil einer Postwachstumsökonomie. Anhänger der neuen Sharing oder auch Collaborative Economy wollen besser leben oder zumindest bewusster mit Besitztümern umgehen. Dabei ist die Idee des Teilens nicht neu. Das Modell des Teilens oder Tauschens statt kaufen existierte bereits in frühen archaischen Strukturen unserer Gesellschaft. Blickt man auf die jüngere Geschichte zurück, war das Teilen in der Nachkriegszeit aus der Not heraus geboren, später zeigte sich eine starke Besitzorientierung. Anhänger der Öko-Bewegung brachten sie in den 70er Jahren als erstes wieder auf, indem sie zum Konsum-Verzicht und einem größeren Miteinander aufriefen. Auf die Masse ausgebreitet hat sich der Gedanke damals nicht. 

„Um die Jahrtausendwende entwickelte sich eine neue Bewegung“, erzählt Dr. Carolin Baedeker, stellvertretende Forschungsgruppenleiterin für nachhaltige Produktion und Konsum am Wuppertal Institut. „Keine Trendwende, aber ein Trend der jüngeren Generation weg von Besitztümern.“ Die neue Ökonomie des Teilens, die so genannte Sharing Economy, zwischen Unternehmen oder Privatpersonen sowie von privat zu privat gewinnt in kürzester Zeit einige Befürworter.

Viele Dinge zu besitzen ist bei den heute 20 bis 35-Jährigen nicht mehr ein Ausdruck von Erfolg, sondern eher eine Belastung. Flexibel sein, da man nicht weiß wo die Reise morgen privat oder im Job hingeht, kennzeichnet eine ganze Generation. „So verändern sich einstige Statussymbole von Auto, Haus oder Waschmaschine hin zur Interaktion durch soziale Netzwerke“, sagt Baedeker. Es gehe dabei um das gemeinsame Erlebnis. Die Basis bzw. „Währung“ sei dabei Vertrauen. „Ich muss ja gucken, mit wem teile ich, mit wem tausche ich“, sagt sie. Foren, Blogs und Benutzerprofile der Plattformen dienen als erster Check und Austausch.

Fast die Hälfte der Deutschen nutzt Dienste der Sharing Economy

Laut einer repräsentativen Studie von Pricewaterhouse Coopers (PwC) im Juni 2015 haben in den letzten zwei Jahren hauptsächlich unter 30-Jährige ein Angebot der Sharing Economy genutzt (82 Prozent), bei den 40 bis 49-Jährigen sind es nur etwa die Hälfte (44 Prozent). Dabei ist die Bekanntheit von Sharing Economy bei den Deutschen recht groß: Rund 60 Prozent kennen mindestens einen solchen Anbieter.
 

Pwc, Bevölkerungsbefragung Share Economy 2015

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Zeit. „Schnell Zugänge zu bekommen ist das eine“, sagt Baedeker. „Das andere aber auch, wenig Zeit zu haben, sich um Gegenstände zu kümmern. Denn alles was ich besitze, will gepflegt und repariert werden.“ Beim Nutzen statt Besitzen entfällt dies natürlich.

Günstiges und flexibles Sharing erleichtert den Konsum

Ob das Teilen zu weniger Konsum führt, ist fraglich. Generell ist unter den jungen Deutschen wieder ein hohes Interesse an Umweltschutz zu erkennen. Dennoch geht es ihnen oft auch um Selbstinszenierung, geteilt auf Facebook, Instagram und Youtube. Was man dafür braucht, ist ein Lebensstil, der möglichst unabhängig gestaltet werden kann und nicht allzu viel Geld kostet. Genau hier setzt die Sharing Economy an. Die Möglichkeit ein Auto, einen Roller oder ein Boot zu leihen, in schicken Privatwohnungen zu übernachten oder sich Dank Kleiderkreisel und Klamottentauschpartys vom Aussehen immer neu zu erfinden, macht flexibel und letztendlich auch Spaß am Konsum. „Kleider-Tauschpartys sind ein wahrer Event“, sagt Baedeker. Und darum gehe es den jüngeren Menschen heute oftmals.

„Gefördert werden die Angebote der Sharing Economy von neuen Technologien, digitalen Plattformen, die das Teilen überhaupt erst effizient möglich machen“, sagt Dr. Nikolas Beutin, Partner bei PwC in München. „Dabei unterstützt die Share Economy die Möglichkeit nach immer schnellerem und individuellerem Konsum."

Grauzone der Sharing Economy: Nachhaltigkeit

Die Sharing Economy wird oft als die Nachhaltigkeitsbewegung der Zukunft gesehen. „Wenn man genauer hinguckt, kann auch viel additiver Konsum gefördert werden“, sagt Baedeker. Über die Plattformen kann man relativ schnell sehr viel beziehen. Die Expertin rät, sich auch die Transportwege und Verpackungen bei Einzeleinkäufen anzugucken. Ein Second Hand-T-Shirt über den Kleiderkreisel in den USA wird voraussichtlich nicht ökologisch sinnvoll sein. Besser seien lokale Tauschnetzwerke.

Auch bei Car Sharing sollte man sich fragen, ob dies „insgesamt auch weniger Autos auf den Straßen bedeutet und vor allem weniger Fahrten“, sagt sie. Nutzer sollten daher eher Touren mit dem Auto einsparen und auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad umsteigen. Denn: „Wenn eine Autofahrt mit einem car2go eine Bahnfahrt ersetzt, erreicht man das Gegenteil“, so die Expertin. 

Selbst zum Anbieter werden

Ganz ohne Eigentum geht es dann doch nicht. Statt nur zu nutzen, liegt das Grundverständnis der Sharing Economy darin, selbst zum Anbieter zu werden. Um Klamotten oder die Wohnung zum Tausch anzubieten, braucht man meist nur eine Smartphone-App oder zumindest einen Computer mit Internet. Denn außer (Ver-) Leihläden oder Treffs von Kleiderkreiseln wird das meiste Verfügbare auf einer Straßenkarte mit genau beschriebenem Standort bestimmt. Autos, Fahrräder oder Roller – dazu reihen sich Sammelstellen für überflüssige Lebensmittel oder Literatur aus dem Bücherschrank. Ob man seine Besitztümer verschenkt, tauscht oder doch lieber gegen einen Beitrag verleiht, entscheidet bei der Collaborative Consumption jeder selbst. Wobei 70 Prozent der Befragten aus der PwC-Studie in der Sharing Economy eine zusätzliche Einkommensquelle sehen. Und: „Über die Hälfte der Befragten sieht das Prinzip der Share Economy als Motor für Arbeitsplätze“, so Nikolas Beutin.

„Wer sein Auto bereitstellt, den motiviert zunächst die Chance, seine Kosten zu kompensieren“, sagt Heiko Barnerßoi von Drivy. „Im zweiten Schritt entstehen dann oft schöne Begegnungen.“ So etwa, wenn der Vermieter des Hochzeitsauto selbst zur Feier eingeladen wird. Oder die Mieter dem Verleiher von der Pkw-Rundreise ein Geschenk mitbringen. Von jedem getätigten Tauschgeschäft erhält Drivy 30 Prozent Provision. „Wir brauchen nicht zu verschweigen, dass wir mittlerweile ein rentables Wirtschaftsunternehmen sind“, sagt er.

„Einer der Gründe ist, dass Unternehmen im Moment sehr gute und einfach auszuführende Marktchancen für Zusatzverkäufe und Cross-Selling sehen“, sagt Beutin. „Wir beobachten verstärkte Aktivitäten von Unternehmen, die naturgemäß ein monetäres Interesse haben.“ Ideologische Motive seien eher nachgelagert. Baedeker: „Dadurch wurde auf ein Bedürfnis der Menschheit reagiert. Das sich daraus Geschäftsmodelle entwickeln, ist in der Marktwirtschaft üblich.“ Ein Beispiel ist Kleiderkreisel: Als Non-Profit-Organisation gestartet ist das Unternehmen inzwischen eine profitable GmbH mit 240 Mitarbeitern weltweit.

Wie wird sich dieser Trend weiterentwickeln? „Wir gehen davon aus, dass die Share Economy auch in Zukunft mit der Zunahme der Digital Natives der Generationen Y, Z und C weiter an Bedeutung gewinnen wird", sagt Beutin. 2030 wird es laut seiner Studie die Norm sein, statt eines einzigen 40-Stunden-Jobs mehrere Einnahmequellen zu haben – das glauben zumindest 68 Prozent der Befragten. Nutzerseitig kommt hier eine neue Verantwortung auf jeden einzelnen zu, wenn man Sharing ökologisch sinnvoll betreiben möchte, sagt Baedeker. Obgleich sie prophezeit: „Sharing kann nicht alles lösen. Die entscheidende Frage: ‘Was brauche ich?‘ muss jeder selbst beantworten. Es geht ja um ein zufriedenes Leben.“

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