Vorwerk
Großstadtrummel vs. Landhaus-Idylle

Stadt oder Land? Das Leben junger Familien im Kontrast

In der Stadt zahlen Familien teure Mietpreise, auf dem Land nervt die ewige Pendelei. Dabei ist die Entscheidung für den besten Wohnort mit Kindern nicht nur vom Geld abhängig. Es ist eine Frage des Lebensstils, die heutige Eltern von kleinen Kindern ganz unterschiedlich beantworten. Wir waren zu Besuch in Köln und Ittenbach.

Die Dorffamilie und der Traum vom Haus mit Garten 

Ausgerechnet das Siebengebirge. Fünfzig Berge und Anhöhen durchstreifen den Landstrich südöstlich von Bonn. Doch nur die sieben Größten bilden das Mittelgebirge im Rhein-Sieg-Kreis. Dort in Ittenbach sind Jonas (32), seine Frau Carolin (33) und Baby Mina seit zwei Jahren heimisch – im eigenen Haus mit Garten, auf 254 Metern Höhe und mit 3.600 Einwohnern. Jonas ist in dieser Region, in der Kleinstadt Bad Honnef, groß geworden. Dass es ihn zurückzieht war nicht von Anfang an so klar. 

„Ich wollte schon immer aufs Land“, sagt Jonas. Wo dieses Land liegt, war aber erst einmal offen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es noch etwas abgeschiedener sein können. „Ein Einsiedlerhaus zum Beispiel“, schwärmt er. Das wollte Carolin aber nicht. „Hier haben wir die notwendige Infrastruktur. Die Abfahrt zur A3 befindet sich am Ortsrand. Es leben Menschen um uns herum“, begründet sie kurz die Vorteile für den jetzigen Wohnort.
 


Mit Infrastruktur ist der Dorfkern gemeint, denn er deckt die Grundbedürfnisse der Bewohner ab: eine Bäckerei mit einem Café, zwei Friseure und eine Apotheke. An der Hauptstraße lädt eine Pizzeria zum Essen ein. Auch ein Stoffgeschäft und ein Kücheneinrichter sind vertreten. Und erst vor zwei Jahren wurde ein großer Supermarkt am Ortsrand eröffnet. Alles nur einen kurzen Weg mit dem Auto oder Fahrrad von ihrem neuen zu Hause entfernt.

Die Großstadt-Eltern: „Das Stadtleben bringt Abwechslung in den Alltag“

Das würde Sophia (35) und Joost (32) nicht genügen. Ihre beiden Arbeitsorte sowie verschiedene Cafés und Einkaufsläden befinden sich gleich um die Ecke. Die beiden leben seit fünf Jahren mitten in Köln im beliebten Südstadtviertel, unweit des Volksgartens. Drei Zimmer, Küche, Bad umfasst ihre derzeitige Mietwohnung im dritten Stock eines Wohnhauses aus der Nachkriegszeit. In den letzten zwei Jahren ist mit den Söhnen Joris und Jasper eine kleine Familie entstanden. 
 


Sophia kommt ursprünglich aus Berlin, Joost gebürtig aus Haarlem in Holland. Sie lebt schon immer in der Stadt, er auch, studierte aber schon mal in einem kleinen Ort mit ländlichem Charakter. „Zum Studieren unter Gleichgesinnten war das okay.“, sagt der Berater für Nachhaltigkeit im Unternehmen. „Zum Leben nicht.“ Es fehlte das kulturelle Angebot wie Theater, Museen und Straßenfeste, eben das, was die beiden in der Stadt so lieben: die Abwechslung auch mit Kindern. „Wenn ich Lust habe, gehe ich mit den Kindern heute zum Spielplatz, morgen in den Zoo und wenn es regnet in ein Kindercafé mit Spielecke oder sogar ins Museum. Auch die haben sich mittlerweile auf die Stadtkinder eingestellt“, sagt Sophia. 

Von der Stadt aufs Land – eine bewusste Entscheidung

Auch Carolin und Jonas kennen das Stadtleben. Mitten in Bonn lebten sie mehrere Jahre in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Dann kam die Kauf-Entscheidung für ein zweistöckiges Einfamilienhaus auf dem Land, umgeben von einem großen Garten in dem die Grundschullehrerin und der Abteilungsleiter eines Bio-Ladens jetzt Gemüse anbauen. „Wir wollten unbedingt ein Haus mit Garten“, erzählt Carolin. „Als wir dieses hier, mit direktem Blick vom Esszimmerfenster auf den Ölberg, gefunden haben war klar: Das wird der neue Lebensmittelpunkt.“ Vor der Haustüre beginnen bald die Wanderwege. Auch das begeistert. Allen voran Jonas, der mit seinem Hirtenhund „Poldi“ hier jeden Tag spaziert. „Die Natur ist hier voller neuer Entdeckungen“, strahlt er. 

Tapetenwechsel in der Stadt

Immer dasselbe zu machen ist den beiden Städtern zu langweilig. „Auf dem Land gehst Du in den Wald und am nächsten Tag wieder in den Wald – ich bin froh, wenn ich mal Tapetenwechsel hab“, sagt Sophia. Das Land habe sie nie gereizt, wenn, dann nur als Ausflugsziel. Zu viel vom praktischen Leben in der Stadt würde ihr fehlen. Wenn die beiden keine typischen Kinderangebote ansteuern, gehen sie wie viele Familien einkaufen und treffen sich mit Freunden. Die meisten wohnen in Köln, da sind die Wege für einen spontanen Besuch nicht weit. Donnerstags hat das Museum bis 22 Uhr geöffnet, dann können die beiden auch noch ohne groß zu planen ohne Kinder in die Ausstellung, denn das Museum liegt nur zehn Minuten mit der U-Bahn entfernt. „Um die Ecke gibt es auch viele Bars und weil es viel Auswahl gibt, sind auch welche dabei, die nett sind“, sagt Joost. Vorausgesetzt die Babysitterin hat Zeit. Die haben die beiden schon seit das erste Kind auf der Welt ist.

Familie auf dem Land: „Das simple Leben bietet uns mehr“

Wenn Jonas von der Arbeit nach Hause kommt sei es für ihn wie Urlaub, erzählt er. Anstelle des lauten Stadtlebens mit einem Überangebot an Freizeitmöglichkeiten, bevorzugt er das simple Leben. Das heißt: Statt Unterhaltung am Computer lieber spazieren gehen, statt auf der Couch zu sitzen und fernzusehen lieber Gartenarbeit oder auch mal Musik machen. Denn für sein Schlagzeug hat er im neuen Haus jetzt genügend Platz. 
 


„Wir haben hier einfach mehr Lebensqualität und das Gefühl, öfters zur Ruhe zu kommen als in der Stadt“, beschreibt er die neue Wohnsituation. „Das mit dem Kinderkriegen hat sich dann erst auf dem Land entschieden“, verrät er. 

Statt Auto lieber Lastenfahrrad

Einen großen Vorteil sehen die beiden Städter darin kein Auto zu besitzen. „Viel zu teuer und zu stressig im Berufsverkehr“, sagt Sophia. Außerdem bewege man sich mit dem Auto zu wenig. Die meisten Strecken könne man mit dem Fahrrad sowie mit Bus und Bahn erledigen. Sophia fährt Bakfiets, ein niederländisches Lastenfahrrad, Joost ein normales Herrenrad mit Kindersitz. Falls es doch mal nicht ohne Auto geht, wird auf Carsharing-Dienste zurückgegriffen. Bei ihnen befinden sich gleich mehrere Anbieter vor der Haustür.

Was Familie auf dem Land und in der Stadt kosten

Sophia bezweifelt, dass das Leben mit Kindern auf dem Land günstiger ist. Man müsse dort den Kindern ja schließlich auch etwas bieten, sich ernähren, Strom, Telefon- und Heizkosten bezahlen. Das teuerste sei ohnehin die Gehaltseinbuße, die man als in Teilzeit arbeitende Frau hinnehmen muss, sagt sie. Der nächste Posten das Honorar für die Tagesmutter. 

Für das Paar auf dem Land kostete der Quadratmeterpreis erst einmal weniger als in der Stadt. Die Kosten für die Fahrten zum Arbeitsort in Bonn entstehen dennoch laufend, zudem kann die Pendelei wegen der häufigen Staus sehr mühsam sein. „Wir hatten anfangs nicht bedacht, dass wir uns ein zweites Auto anschaffen müssen. Denn der Bus fährt hier zu sehr ungünstigen Zeiten“, sagt Carolin.
 


Auch die beiden überzeugten Städter erkennen, dass ihr Großstadtleben nicht nur Vorteile mit sich bringt. Ihre Kinder können nicht so frei herumlaufen, wie auf dem Land, auch fehlt die Wohnzimmertür zur Spielwiese für die Kleinen. Darum soll die nächste, größere Wohnung in der Stadt mindestens einen Balkon haben. 
 


Momentan sieht das aber erst einmal nicht danach aus: Zu teuer! „Da verzichten wir lieber auf mehr Platz, bis die beiden etwas größer sind“, sagt Joost. Und organisieren sich: Die Wohnung wirkt aufgeräumt und gut strukturiert. Hier die Essecke, dort der Wohnzimmerbereich. Ein großes Kinderzimmer sowie ein Schlafzimmer mit Arbeitsbereich. Seitdem die Kinder da sind, haben sie auch mit den anderen Eltern im Haus mehr Kontakt.

Neue Freunde in der Nachbarschaft

Die alten Freunde kommen jetzt zwar nicht mehr so oft spontan vorbei, dafür aber ihre Eltern. Durch verschiedene Babykurse hat Carolin in der Umgebung einige gleichgesinnte Mütter kennengelernt, mit denen sie sich ab und zu trifft. Jonas meint, dass die Menschen auf dem Land kontaktfreudiger seien, als in der Stadt. „Beim Spazierengehen mit dem Hund kommst du oft ins Gespräch und auch, wenn du mit dem Kinderwagen unterwegs bist“, sagt er. Insgesamt herrsche ein offenes Klima, auch für Zugezogene.

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