Vorwerk
Selbstverwirklichung

Zwischen zwei Welten: Karrierekick und Familienglück?

Die berufliche Karriereleiter hinaufsteigen und dennoch eine Familie mit Kindern gründen? Der Spagat zwischen Selbstverwirklichung im Beruf und Familienidylle zu Hause ist eine Herausforderung, der sich immer mehr Menschen stellen – so wie die Kölner Chemikerin Gesa Behnken und der Münchner Oberarzt Julius Wermelt. Wir trafen sie zum Interview.
 

Gesa Behnken (35), Julis Wermelt (45)

Gesa Behnken ist 35 Jahre alt, hat einen 2 ½ jährigen Sohn und wohnt mit ihrer kleinen Familie in einer Stadtwohnung mit großem Dachgarten in der Kölner Innenstadt. Sie ist Diplom-Chemikerin und Managerin bei Covestro, einer eigenständigen Kunststoffsparte der Bayer AG, wo ihre Karriere begann. Für Diplom- und Doktorarbeit hat sie bereits Preise gewonnen. Heute arbeitet sie Vollzeit als „Head of Mergers & Acquistions“, zu Deutsch: Managerin für Zukäufe und Akquisitionen. Ihr Sohn geht ab 8 Uhr in eine private Kindertagesstätte. Gebucht ist für ihn ein 45-Stunden-Paket.

Julius Wermelt ist 45 Jahre alt und wohnt mit Ehefrau und drei Kindern im Alter von ein, drei und fünf Jahren in einer Altbauwohnung im Münchner Zentrum. Seit 2008 ist er in der Klinik für Anästhesiologie der Ludwig-Maximilians-Universität tätig. 2011 wurde er dort Oberarzt und leitet seit 2014 zusätzlich den Bereich der Kinderanästhesie. Sein Arbeitstag geht in der Regel von 7:30 Uhr bis 16:30 Uhr, dazu im Monat drei bis fünf 24-Stundendienste sowie Rufdienste für die Kinderanästhesie.
Die erste Kita-Eingewöhnung begann bei seinen Kindern mit dem vollendeten ersten Lebensjahr.

Beide Persönlichkeiten sind Beispiele dafür, dass sich Kinder und beruflicher Erfolg nicht ausschließen. Aber wie sieht ihr Leben zwischen Meetings und Krabbelgruppe, Überstunden und Kindergarten aus? Ist das alles tatsächlich machbar oder stehen Karriere und Familie doch im Widerspruch?

Überlegungen und Entscheidungen, die bei der Familienplanung eine entscheidende Rolle spielen – Wer bleibt zu Hause und wie wichtig sind Absprachen?

Dass die Hauptbelastung anfänglich die Frau trägt, liegt in der Sache der Natur. Geht es dann um die Entscheidung, wer zu Hause bleibt, spielen oft finanzielle Gründe und eigene Vorstellungen eine Rolle. Muss dann einer der Partner wider Willen auf beruflichen Erfolg verzichten, kann dies zu späteren Konflikten führen.

Für Gesa Behnken war von Anfang an klar, dass beide arbeiten wollen. „Wir haben über den Kinderwunsch und die damit zusammenhängende Organisation sehr frühzeitig in unserer Beziehung gesprochen“, erinnert sie sich. „Mein Mann war bereits Werkleiter einer Papierfabrik und ich Abteilungsleiterin eines Innovationsbereichs, aber Mutter kann ich doch trotzdem sein“, sagt sie. Die Karrierefrau meint, dass es oftmals hieße, dass es für den Mann gesellschaftlich schwieriger ist, einen Rückschritt zu machen. Das sei schlecht für seine Karriere. „Ja klar ist es schlecht für seine Karriere – aber für die der Frau ist es mindestens genauso schlecht“, sagt Behnken. „Deswegen haben wir beide jeweils mit unserem Arbeitgeber gesprochen, und die entsprechende Unterstützung auf unserem Weg bekommen“, erläutert sie.

Für den dreifachen Familienvater Julius Wermelt hingegen war der Familienstart eher klassisch: „Als wir uns für eine Familie entschieden haben, war ich gerade frisch Oberarzt an der LMU München und musste 100 Prozent geben – auch um dabei zu bleiben“, erinnert sich der Leiter der Kinderanästhesie. „Da bin ich meiner Frau sehr dankbar, denn das meiste blieb zuerst auf jeden Fall an ihr hängen und bedeutete eine große Belastung“, sagt er. „Dennoch habe ich versucht, sie in jeder freien Minute zu unterstützen“, erklärt er weiter. Seine Frau arbeitete bis zur ersten Schwangerschaft ebenfalls in der Anästhesie, zwischen dem zweiten und dritten Kind dann als wissenschaftliche Assistentin und während der dritten Schwangerschaft promovierte sie sogar fertig. „Darauf sind wir beide sehr stolz.“ strahlt er.

Elternzeit, Karriere und finanzielle Folgen. Wie viel Elternzeit hält eine Karriere aus und wie sieht es in der Umsetzung damit aus?

Beruf und Familie sind keine einfache Kombination. Gerade am Anfang. Es gibt zwar im Rahmen der Elternzeit die Möglichkeit, zeitweise den Arbeitsplatz gegen den Wickeltisch einzutauschen, aber das ist nicht immer förderlich für Karriere und Finanzhaushalt.

„Wir konnten uns beim dritten Kind keine Elternzeit mehr leisten. Der finanzielle Ausfall ist doch höher als gedacht und wir waren gerade in eine größere Wohnung gezogen“, erzählt der Münchner Oberarzt. Elternzeit nahm er aber schon: Beim ersten Kind, um die Krippeneingewöhnung seiner Tochter Ava zu übernehmen und seine Frau zu entlasten; beim zweiten Kind nutzten beide seine Elternzeit für eine längere Fernreise mit dem Nachwuchs.

„Wir haben uns auch die Betreuung tageweise geteilt, so dass keiner von uns den Anschluss im Beruf verloren hat und wir eine enge Beziehung zu unserem Sohn aufbauen konnten“, berichtet Gesa Behnken. Nach dem gesetzlichen Mutterschutz arbeitete sie zwei Monate mit 50 Prozent und ihr Mann drei Monate mit 60 Prozent. Danach beide wieder in Vollzeit.

Kinderbetreuung und Alltag – Wie viel Zeit bleibt für die Familie bei einem erfolgreichen Ganztagsjob?

„Mit 4 1/2 Monaten kam unser Sohn in eine Kinderkrippe, die auf ganz Kleine spezialisiert ist“, sagt Behnken erleichtert. „Auch sonst teilen wir uns die Aufgaben“, berichtet die Karrieremama weiter. Da ihr Mann einen sehr frühen Arbeitsbeginn hat, bringt sie Sohn Hendrik morgens zur Kita und er holt ihn abends ab. So hat sie mit ihrem kleinen Liebling morgens, abends und am Wochenende etwas Zeit. „Es geht auch nur so. Wenn ich alles alleine tragen müsste, könnte ich meinen Beruf nicht ausüben.“ Schwierig wird es, wenn der Sohn mal krank ist, dann müssen beide spontan entscheiden, wer gerade die wichtigeren Termine hat.

Auch bei der Münchner Familie sind weder Omas noch Opas in der Nähe und die Eltern auf fremde Kinderbetreuung angewiesen. „Dass alle drei mit einem Jahr in die Kinderkrippe kamen, ist in meinem Umfeld eher normal – aber erst nach zwölf Monaten“, erzählt Wermelt. Im Alltag versucht er sich so oft es geht einzubringen und Aufgaben zu übernehmen: So fällt das Kindergarten Hinbringen und Abholen von Tochter Ava in sein Aufgabengebiet. Während Mama Mia Tochter Ella und Sohn Floris in die Krippe bringt. „Der größte Teil der Belastung bleibt aber an meiner Frau hängen“, reflektiert er. Mit vier bis fünf Oberarztdiensten und oft Wochenend-Abwesenheit bleiben nach der Arbeit nur ein bis zwei Stunden Zeit, in der die Kinder meist völlig überdreht und übermüdet sind. Deswegen versucht er, an den dienstfreien Tagen jeweils mit einem Kind „Exklusivzeit“ zu haben. „Aber meine wirkliche „Genusszeit“ ist vor allem im Urlaub. Und nachts, denn da kommen die beiden Großen abwechselnd in unser Bett und wollen in meinem Arm schlafen. Da holen wir uns die Nähe zurück, die manchmal am Tag nicht zustande kommt“, schmunzelt er.

Das A und O: die Kinderbetreuung – welche Rolle spielt dabei das Thema Geld? Und wie einfach ist es, eine geeignete Kita zu finden?

Laut Statistischem Bundesamt (März 2016) bringen deutschlandweit 85 Prozent aller Eltern ihren Nachwuchs in eine Kindertagesstätte. „Einen Betreuungsplatz zu finden, war bei uns eine der größten Herausforderungen überhaupt“, sagt Gesa Behnken. „Wir brauchen eine Einrichtung, die über die Standardzeiten von 8:00 bis 16:30 Uhr hinaus geöffnet hat und flexibel ist. So sind auch Dienstreisen machbar, bei denen dann einer von uns unseren Sohn bringen und holen muss“, sagt sie. Ihr Arbeitgeber hat ihnen einen Platz in einer privaten Kita verschafft. Das sei nicht einfach gewesen und koste auch deutlich mehr als ein städtischer Kindergarten, dafür gäbe es mehr Erzieher und sogar einen eigenen Koch. „Da hat man dann auch kein schlechtes Gewissen, wenn der Kleine mal länger bleibt“, sagt sie.

Auch Oberarzt Wermelt bestätigt, dass finanzielle Möglichkeiten eine gute Betreuung leichter machen: Kann man sich eine Tagesmutter oder zeitweise Betreuung durch qualifizierte Babysitter leisten, wird der Druck auf die Eltern reduziert und man ist entspannter am Arbeitsplatz. Auch regelmäßige Abende ohne Kinder – also mit Babysitter – ermöglichen seines Erachtens unbeschwerte Nähe und auch die Aufarbeitung angestauter Alltagssorgen. „Wir nehmen uns manchmal Samstagvormittag einen Babysitter, um einen Stadtbummel zu machen. Das geht aber enorm ins Geld und verhindert andere Anschaffungen“, gesteht der Vater.

Für ihn ist der Zusammenhalt der Eltern wichtig, um die Familienidylle für die Kinder zu bewahren. Deswegen dürfe die Nähe zum Partner nicht unter dem Beruf leiden. Kritik bekäme man sowieso genug. Zum einen von den eigenen Eltern, die die frühe Fremdbetreuung nicht kennen, aber auch nur bedingt aus der Ferne helfen können – zum anderen von Kollegen und Freunden, die sehen, wie viel Opfer man in jeder Hinsicht bringt. „Wir suchen uns immer öfter mehr Entlastung – von Babysitter und Putzfrau abgesehen“, berichtet Wermelt. Für ihn und seine Frau bedeuten aber auch technische Hilfsmittel wie synchronisierte Kalender und Smartphones Erleichterung. So kommunizieren sie Privates und Geschäftliches, weil sie oft keine Zeit zum Reden haben. Für Wermelt ist es keinesfalls lediglich nur eine Frage guter Organisation, sondern vor allem eine finanzielle. „Als ein Zwei-Akademiker-Haushalt mit einem Kind konnten wir unseren Lebensstandard noch gut halten. Mit Kind zwei und drei hat sich allerdings alles verändert. Deswegen erfolgen Anschaffungen nur noch, wenn sie uns entlasten“, erzählt er.

Wird man Karriere und Familie gerecht?

„Ja, aber in Grenzen“ bestätigt Behnken. Beide wissen, dass Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen, auch ein gewisses Maß an Opfer und Verzicht bedeutet – sowohl in beruflicher, als auch in privater Hinsicht. „Was und wie viel man bereit ist in Kauf zu nehmen, ist immer eine persönliche Entscheidung“, so Wermelt. Aber die besondere Chemie zwischen Geschwistern, die eigene Dynamik in jeder Familie, die gegenseitige Unterstützung und der Zusammenhalt seien alles Dinge, die man ohne eine Familie nie erfahren würde, sagt er.

Um diesen Spagat zu schaffen, benötigen Gesa Behnken und Julius Wermelt ein vertrauenswürdiges und gut aufgebautes Umfeld. Dazu zählen sie vor allem auch Freunde und andere Eltern, die beispielsweise beim Abholen mal einspringen können. Zudem bedarf es neben einer positiven Grundhaltung und einer guten Planung auch viel Kommunikation. Aber die Motivation, um alle Herausforderungen zu meistern, und da sind sich beide einig, das sind letztendlich die Kinder selbst.

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